Garthe, über den Heiligenschein. 521
Im März des Jahres 1796 erhielt er einen Bries aus Weimarvon einer Dame, die sich Natalie unterschrieb, und die ihm sagte,daß nicht nur sie, sondern auch Wieland, Herder, Knebel undandere treffliche, in Weimar wohnende Männer von seinen letztenWerken ganz entzückt seyen. Wieland, heißt eS in diesem Briefe,nennt Sie unsern Joris und Rabelais. — Schon im Mai erfuhrer, daß die ältere Schwester jener Natalie in Baireuth angekom-men sey. Er hatte nichts Eiligeres zu thun, als sich auch dahinzu verfügen. Er wurde auf das Beste und Glänzendste aufge-nommen. „Ich könnte hier," schreibt er an seinen Freund Ottoin Hof zurück, „herumgeführt werden wie ein Weltwunder, wenn ichZeit dazu hätte. Sie haben mich alle gelesen, und eS geht da ganzanders als in Hof. Bei ihr besonders ist alles schöner und besser,als sonst wo, und sogar ihre zwei Nachtigallen thun, wenn sie selbersingt, Schläge darein, die mir das Herz aus der Brust ziehen wollen.O wie blüht alles um mich her!" — Ganz trunken vor Wonne ginger endlich nach Hof zurück, und fand dort einen zweiten Brief derDame aus Weimar, in welchem er auf daö Freundlichste und Drin-gendste eingeladen wird, nach Weimar zu kommen. — — Und erkam. Im Jnniuö 1796 schritt er zu Fuß mit einem Boten, derihm seine Sachen trug, aus dem Thore von Hof nach Jena zu, umvon da in das ersehnte Weimar einzutreten. Den ganzen Himmel sah erauf dieser Reise vor sich offen. ,
Seine Aufnahme in Weimar übertraf selbst seine kühnsten Hoff-nungen. Es ist uns unmöglich, und eS war auch ihm unmöglich,den Freudenrausch zn schildern, welcher den bisher beinahe Verschmach-tenden wie mit einem Sturzbade von Blüthenregen überschüttete.Drei Wochen nur hielt er sich dieses erste Mal in Weimar auf, aberwelche drei Wochen! — Man muß die Briefe selbst lesen, die er indiesen Tagen an seinen Otto schrieb, und die unö der Vers. Vol. IV.S. 18 u. s. mittheilt, um wenigstens einen schwachen Begriff vondem Entzücken zu erhalten, das sein ganzes Wesen durchströmte.„Endlich sah ich doch einen überglücklichen Sterblichen auf der Erde,und — der war ich! Ich war eS so sehr, daß ich schon an die Ne-mesis denken, und daß mich Herder mit dem I)eus averrunouströsten mußte. — Ich kümmere mich nicht um Richtigkeit des Auö-
*) Die das Böse von den Menschen entfernende Gottheit: sverruneo,die Reben beschneiden.