Spazier, Jean Paul Richter. 533
Eben wollte er sich, im Sommer 1797, an seinen unterbroche-nen Titan machen, als schon wieder ein „leuchtender Komet" erschien,der ihn aus seiner Bahn verrückte. Dieses „hellglänzende Gestirn"war Emilie von Berlepsch, „eine junge, schöne und genialeWitwe," die aus der Schweiz nach Hof kam, um ihn da aufzusuchen,und einige Tage mit ihm zu verweilen. „Durch diese glühendeSeele," sagt unser Vers., „ward das (wie wir bereits wissen, sehrleicht entzündbare) Herz des Dichters auf das heftigste entflammt,indem derselbe an dieser neuen Erscheinung alle Vollkommenheiten derfrüheren zusammen gesunden hatte." Obschon seine Mutter ebenin diesen Tagen in eine schwere Krankheit siel, und er bereits ihremnahen Tode entgegen sah, und obschon er diese Mutter, sagt derVers. , mit der innigsten SohneSliebe umfing, so fesselte ihn doch dieLiebe der genialen Witwe mit einer noch viel stärker« Kraft, so zwar,daß er die Mutter auf dem Todtenbette liegen ließ, und mit derWitwe eine Lustreise nach Franzenöbad in Böhmen machte! Dafürkehrte aber auch der brave (?) Sohn sogleich zurück, als er dieNachricht von dem Tode der Mutter „gleich einen Donnerschlag" ver-nahm, um sie zu begraben. Vorzüglich betrübte ihn ein in demNachlaß der Mutter gefundenes Hausbuch, in welchem sie von Wochezu Woche den Erwerb ihrer Handarbeit aufgezeichnet hatte. Er sahdaraus, daß sie im März des Jahres 1793 durch Wollespinnen 2 fl.51 kr., im April 4 fl. 3 kr., im Mai 4 fl. 4 kr. u. f. gewonnenhabe, und auf der letzten Seite des Büchleins war bemerkt, daßSamuel, ihr lüngster Sohn, am 9. März neue Stiefeln bekommen,die 3 Thaler gekostet haben. — Da er längere Zeit nach diesemVerluste nicht im Stande war, sich über seinen Zustand irgendJemand in Hof mitzutheilen, so eilte er, waS konnte er besseresthun, zu der schönen Witwe zurück, um „in die Brust eines hohenweiblichen Wesens seine Klage ohne Trost auszuschütten" (!). Erging also wieder nach Franzensbad, und von da, im October 1797,nach Leipzig, wohin ihm die süße Emilie folgen wollte, da sie inder Nahe dieser Stadt ein Gut besaß.
Er wurde nun in Leipzig allerdings ganz anders aufgenommen,als das erstemal. Alles drängte sich um ihn und alles wollte ihnbesitzen, besonders die Buchhändler, die förmlich verliebt in ihn waren.Aber all die Genüsse, die man ihm nun in Hülle und Fülle anbot,kamen zu spät: er hatte die Reizbarkeit dafür verloren. Den Jüng-ling hätten sie überglücklich gemacht, und nun wachten sie ihm oft