Buch 
Darstellung der Handelsverhältnisse zwischen der Schweiz und Oesterreich in den Jahren 1840 und 1845 / bearbeitet von Dr. A. v. Gonzenbach
Entstehung
Seite
150
JPEG-Download
 

150

Diesen Angaben gegenüber folgen hier nun einige Daten über die Seidenindustrie in derSchweiz.

Der Werth der jährlichen Ausfuhr nach einem fünfjährigen Durchschnitt von 18371841 nach zollamtlicher

Schätzung betrug , ^

in Oesterreich, mr Zollverem, rn Frankreich,

an Seide und halbseidenen Waaren 1,270,000 Gl. C.-M. 10,711,000 Gl. C.-M. 51,884,000 Gl. C.-M.oder mit 10HH Abschlag der franzö-sischen Werthung als zu hoch . 48,605,000

Nach Abzug der Einfuhr gestaltet sich im gleichen Zeitraum die Mehrausfuhr:

in Oesterreich, im Zollverein, in Frankreich,

derSeiden- und halbseidenen Waaren 1,261,000 Gl. C.-M. 10,300,000 Gl. C.-M. 44,833,000 Gl. C -M.Diese Vergleichung führt Tcgoborsky zu folgender Betrachtung, welche in jeder Beziehung begründet erscheint:

Eines der merkwürdigsten Resultate des Vergleichs zwischen der österreichischen, französischen und JollvereinS-,Industrie rückfichtlich Oesterreichs, ist die auffallend geringe Ausfuhr der Seidenwaaren, bei dem Ueberfluffedes Rohstoffs derselben, welcher so reichlich im Lande erzeugt wird. Die Mehrausfuhr dieses Artikels beträgtnichr den achten Theil derjenigen des Zollvereins und zirka den 37sten Theil der Ausfuhr Frankreichs. AnSchutz hat es diesem wichtigen Zweige der inländischen Industrie nicht gefehlt, indem die Seidenwaaren außerHandel gesetzt sind, und der Zoll, den sie bei bewilligtem Bezüge zum Privatgebrauche zu entrichten haben,60°/o des Werths übersteigt, mithin dem gänzlichen Verbote beinahe gleich kommt, und außerdem die rohe Seidemit einem Zoll von 45 Gl. per Zentner 5«^ des Werths belegt ist."

Im Zollverein dagegen, wo der Zoll auf Seidenwaaren nicht den sechsten Theil und auf halbseidenen nichtden vierten Theil des österreichischen Zollsatzes erreicht, ist diese Industrie unter einem sehr mäßigen Schutzeund bei Beziehung fast ihres ganzen Bedarfs an Rohstoff vom Auslande, zu einer solchen Ausdehnung gelangt,daß sie einen großen Theil des inländischen Verbrauches deckt, und außerdem für nahe an 20 Millionen Gul-den Conv.-Münze Seidenwaaren ausführt."

Die Mehrausfuhr beträgt über zehn Millionen Gulden."

Die gereinigte und gefärbte Seide zahlt im Zollvereine ungefähr den fünften Theil, und die gezwirnte nichteinmal den achten Theil des österreichischen Zollsatzes; und doch verhält sich die Mehrcinfuhr der rohen Seidezu der der gereinigten, gefärbten und gezwirnten wie 15 zu 2, so daß die inländische Seidenwaarenfabrikatioa,,'5/i7 im Lande gesponnene, gereinigte und gefärbte Seide verarbei et."

Dieses Beispiel beweist hinlänglich, daß nicht immer sehr hohe Schutzzölle nöthig sind, um die inländischeIndustrie in Flor zu bringen, und daß sie oft eine gar entgegengesetzte Wirkung äußern, indem sie dem inlän-dischen Gewerbsieiße den so mächtigen Stachel der Mitbewerbung entziehen. Außer diesem Nachtheile, und demnicht mindern moralischen Uebelstande, daß es den Schmuggel sozusagen herausfordert, führt das Verbotsystem,wenn es zu allgemein aus alle ausländischen Fabrikate ausgedehnt wird, noch jenen andern mit sich, daß es oftder inländischen Industrie eine falsche Richtung gibt, indem es die materiellen und geistigen Produktivkräftedes Volks zersplittert, und wenigstens zum Theile von den natürlichen, der eigenthümlichen Lage desLandes mehr entsprechenden Erwerbsquellen abzieht, um sie solchen Industriezweigen zuzuwenden, die demBoden, auf den man sie verpflanzte, weniger entsprechend nur unter fortwährend sehr hohem Schutzzölle zumittelmäßiger Ausbildung gelangen und sich auf diesem Standpunkt behaupten können."

Den Flor der Seidenmanufakturen verdankt Frankreich hauptsächlich seiner uralten, durch Lokalumstände be-günstigten Lyoner-Jndustrie und der eigenthümlichen Geschicklichkeit der dortige» Fabrikanten und ihrer Arbeiter.Man muß den Mechanismus dieser Industrie in ihren komplizirten Verzweigungen an Ort und Stelle beobachtethaben, um überzeugt zu sein, daß sie auf dortigen Boden ganz eigentlich zur einheimischen Pflanze geworden.Manche Branchen dieser Industrie sind so schwer zu erlernen, daß sowohl der Fabrikant, der sie leitet, als derArbeiter, welcher den mechanischen Theil ausführt, darin sozusagen aufgewachsen sein müssen, um einen ge-wissen Grad von Geschicklichkeit zu erlangen, der sich dann Familienweise von Generation auf Generation über-trägt. Und gerade für diese Industrie ist das sonst so strenge französische Prohibitivsystem viel gemäßigter,