C. Vorträge der zweiten Hauptversammlung.
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ich mich für diese Diskussionen interessiere und bis zu einem gewissenGrade selbst daran teilgenommen habe, so mögen dieselben doch beutebeiseite bleiben. Es darf dies um so mehr geschehen, als uns gesternder ausgezeichnete Vortrag des Herrn Stodola nach dieser Richtungbereits Vorzügliches gebracht hat. Nicht minder werde ich die all-gemeine Frage nach der inneren Beziehung der Mathematik zu denAnwendungen, welche Herr Poincaré zum Gegenstände seines glänzendenExposes gemacht hat, hier unberührt lassen. Niemand ist von derWichtigkeit der genannten Beziehungen mehr überzeugt als ich selbst.Aber ich meine, dafs es angezeigt ist, vor dem versammelten mathe-matischen Kongresse nun auch ein weiteres zu betonen, nämlich, dafses eine reine Mathematik giebt, welche schliefslich doch den Kernunserer Wissenschaft ausmacht, und deren Gedeihen die Vorbedingungfür alle anderen mathematischen Bethätigungen bildet, falls letzterenicht sofort auf ein niederes Niveau herabsinken sollen. So lassen Siemich von der Vorbildung der Wenigen sprechen, welche berufen seinsollen, in Zukunft die reine Mathematik weiterzuführen, der eigent-lichen mathematischen Forscher. Ich setze voraus, dafs ein Stu-dierender von geeigneter Begabung die gewöhnlichen Anfangsstadienbereits hinter sich hat, vielleicht auch die Examina, welche ihm dielandesübliche Ordnung auferlegt, bereits überwunden hat; wie wollenwir ihn in der von uns beabsichtigten Richtung fördern?
Täuschen wir uns nicht, dafs von vomeherein eine aufserordent-liche Schwierigkeit vorliegt, welche sich auf dem Gebiete keineranderen Wissenschaft in gleicher Stärke einstellen dürfte, weil keineandere Wissenschaft so langsam assimiliert wird, wie die Mathematik.Eine wissenschaftliche Persönlichkeit kann sich nicht bilden ohneKonzentration auf ein Einzelnes bis hin zur selbständigen Pro-duktion, also ohne Spezialisierung. Wir aber wollen unseren Kan-didaten gerade zu einem allgemeinen Überblicke über das Ganze derWissenschaft hinleiten!
Es folgt, dafs wir seine Zeit für unseren Zweck nicht vollständigwerden in Anspruch nehmen dürfen, dafs wir allerlei Kompromissewerden treffen müssen. Ich weifs zu sehr aus eigener Erfahrung, wieschwierig es ist, einen richtigen Mittelweg einzuhalten. Aber so istes schliefslich mit Allem, was wir in idealem Sinne unternehmen; esist daraus nur zu schliefsen, dafs wir immer auf’s neue versuchensollen, das nie völlig Erreichte anzustreben.
Ein Erstes, was ich hier empfehlen will, sind gewisse äufsereEinrichtungen für das weitergehende mathematische Studium. Viel-leicht bedarf es der Entschuldigung, dafs ich hier solche Dinge berühre,