868 X- Klaffe. Instrumente aller Art.
In früheren Tagen, als die Besaitung noch dünn war und der Hammerkopfnur den kleinen Raum von seinem Ruhepunkt bis zur Satte zu durchlaufen hatte,den ihm Stein verzeichnete, entsprach die Steinsche oder Wiener Mechanik auchdiesen Anforderungen, und ihre Vollendung auch von dieser Seite her war die Ur-sache, daß die Steinsche Mechanik gleich Anfangs die Silbermannsche so siegreichverdrängte. Nachdem aber die Besaitung verstärkt, der Hammer weiter ausholenmußte, um die starke Saite zum Erklingen zu bringen, wurden auch die Leistungender Wiener Mechanik in diesem Punkte unsicher. Die Sehnsucht der Klavierkünstlernach einer Mechanik, die unter ihren wirbelnden Fingern nie versagte, wuchs in ebendem Verhältnisse, und dies bewog den als mechanisches Talent durch seine Verbesse-rungen des Pedalharsenmechanismus bereits bekannten Sebastian Erhard, Fran-zösisch Erard, aus Straßburg, in Paris seine ganze Kraft darauf zu verwenden,einen Mechanismus zu erfinden, welcher auch den gespanntesten Anforderungen unse-rer Klavierkünstler entspräche.
Die Hauptaufgabe war hier, den Mechanismus so einzurichten, daß der Stößerin die Hammernase wieder eingriff in jedem Theile der Höhe, die die Taste zudurchlaufen hatte, so daß man sie nur ganz wenig los- oder steigen zu lassenbrauchte, um beim Niederdrücken sogleich einen neuen Anschlag zu erhalten.
Erard ließ zu diesem Zwecke das vertikale auf der Taste stehende Stäbchen,das sonst als Stoßzunge diente, aus die Mitte eines einarmigen Hebels wirken, dersich, ganz nach dem Plane des Italieners Cristofali von 1720, an seinem HinternEnde an einer über den Klavierrähnien geführten Leiste um eine Achse bewegte, mitseinem gegen den Spieler gewendeten Ende aber erst die Stoßzunge trug. Vom dem-selben Hebel, der Stoßzunge gegenüber, doch vom Drehpunkt etwas entfernt, steigtdurch den durchbrochenen Hammerstiel die Drahtzunge empor, die ihre Lage mit demStande des Hebels gegen den Hammer verändert und den Hammerkopf in der Näheder Saiten festhält und fängt. Eine dnrch eine Feder balancirte Zunge unter einemetwas spitzen Winkel mit dem vermittelnden Hebel selbst in Verbindung, greiftunter den Hammer nahe an seiner Nase und dient ihm als Stütze. Diese Mechanikerhielt zuerst durch Lißt und dann dnrch Thalberg ihre Verbreitung, und dieseerklärten sie als die einzige, welche ihren Anforderungen in Bezug auf nie fehlendeSicherheit Genüge leiste.
Schon aus der obigen unvollkommenen Beschreibung wird der Leser ersehen,daß die Pianoforte-Mechanik unter Erards Händen eine sehr zusammengesetzte ge-wesen ist. Statt der zwei Achsen, welche sich bei der gewöhnlichen Englischen Me-chanik finden, hat die Erardsche deren fünf, und jede Taste mit ihrem Hammer be-steht aus nicht weniger als 64 Theilen. Das richtige Ineinandergreifen dieser vieleneinzelnen Theile zu bewirken, dazu ist jedoch die Kunst eines Mechanikers vonnöthen.Eben diese Zusanimengesetztheit macht daher auch die Erardsche Mechanik wandelbar,sie spielt sich bald aus, die Achsenfütterungen nützen sich bald ab, der Mechanismusklappert, der Eingriff geräth in Unordnung, und kann nur in Hauptstädten von Me-chanikern wieder hergestellt werden.
Um nun den Anforderungen der jetzt lebenden Klaviervirtuosen auch in dieserBeziehung Genüge zu leisten, hat ein Arbeiter von Broadwood, South Welt,an der Bro adwood scheu einfachen unzerstörbaren Mechanik eine höchst einfache Vor-richtung angebracht, einen Drahthaken oder eine aufwärts gekrümmte Drahtöhserückwärts am Stößer, die den Hammer nach seiner Auslösung in jeder Lage ergreiftund festhält, während die Stoßzunge stets unter der Hammernase zum Angriff bereitsteht. Broadwood hat diese Vorrichtung Victoria -rcpctition genannt, und sieentspricht eben so vollkommen ihrem Zwecke, als die viel zusammengesetztere ErardscheMechanik. Auf solche Weise nun haben die beiden Häuser Broadwood undErard flügelsörmige Pianoforte in die Welt geliefert, welche durch Großartigkeit