486 XVIII. Klasse. Farben, Muster, Färberei und Druckerei.
in der Zeichnung und Schnüning gleich gewandt waren, schon früh durchihre mit großer Naturwahrhcit gezeichneten Pslanzcndctails aus. Sodannaber mag mit dem ungeheuren Reichthum der Interessen und Bestrebun-gen, welcher sich dem modernen Mensebcngciste erschlossen hat, die außer-ordentliche Mannigfaltigkeit von Dessinmotiven und der Mangel eineskorrekten volkSthümlichcn Styles, an dem die neueren Dessins leiten, zu-sammenhangen. Namentlich sind auch die Arbeiten der Französischen Dcssinatcure nur zu häufig aus barocken willkührlichen Elementen, welchegar nicht der Zweckbestimmung des Stoffes entsprechen und über dieGrenze des Statthaften hinausgehen, zusammengeworfen.
Diesen mitunter widerwärtigen.Kompositionen gegenüber erschien dieWiedcrbcnutzung der Formen und Motive der klassische», Gothischen, derEinqucccnto- und Renaissance-Kunst als bcifallswürdig, und selbst dasRoccoco — die Repristination der Muster einer auch in seinen besten Er-zeugnissen unnatürlichen und des heberen GcistcsadclS entbehrenden Kunst-richtung — fand einen ausgedehnten Beifall, namentlich bei Solchen,welche Pracht, Ueppigkeit und den mit solchen Formen durch eben gewon-nene Mittel leicht zu erhäschenden Schein alten RcichtbumS erstrebten.
Bon besonderer Wichtigkeit für diese ästhetische Seite der Gewerbeist die Kunst des Musterzeichnens für Wirkerei; ein solcher Musterzeichnerhat nicht blos Kompositionen auf Musterpapicr zu übertragen, er mußauch den Stuhl, woraus gearbeitet wird, die Abweichungen des Mecha-nismus, das Material, daö Verhältniß des Einschlags zur Kette, die Wir-kung der Farben kennen, und darnach oft scbr verwickelte Berechnungenanlegen, ehe er die Zeichnung in die Patrone auftragen kann. Die Pa-trone stellt die Dcssinzeichnung, wie auch die Lchnürung und Zurichtungjedes einzelnen Fadens vorn ganzen Gewebe in großem Maßstabe vereinigtdar; sie ist daö unumgängliche Mittel für die Herstellung des Stoffs, undder Destillateur muß zugleich das Praktische der Weberei und die mcchanischen Leistungen dcS Webstuhls vollkommen kennen. Die Einführungneuer Muster und vollends eines festen Stvls in die Fabrikation ist daherekwas sehr Schwieriges, und namentlich von dem Vorhandensein kompo-nircnder Künstler, Destillateure, kuustweber, Stuhleinrichtungen und Fär-bereien abhängig. Nur in den Eentren der Gewcrbthätigkeil und nur beiglücklichem Zusammenwirken der verschiedenen Organe wird sie gelingen.
In Deutschland trat schon seit der Befreiung von der Französi-schen Herrschaft im Jahre 1814 bei denkenden Beobachtern der Volks-zuständc und des Gcwcrbcwescns das Bestreben hervor, die Formen undMuster durch gründliche Bildung der Musterzeichner zu veredeln, und womöglich einen reinen selbstständigen Geschmack darin zu entwickeln.
Im nördlichen De utschland erwarben sich Beuth und Schinkeldas hohe Verdienst, in L^hre und Vorbild auf die Veredelung der Formenund Muster der gewerblichen Erzeugnisse, auf die Nothwendigkeit einergründlichen Kenntniß und Benutzung der klassischen, mittelalterlichen und