Katharina die Große. Theilung PolenS. 327
Schleier nicht ganz. Doch erscheint, daß, sollte auch die Kaiserinvon Rußland die Idee der Theilung Polens die Erste ange-regt haben, dieselbe noch durch den K. v. Preußen am eifrig-sten sey verfolgt, am angelegentlichsten zur Verwirklichung geführtworden.
Ob wirklich erst die von Oestreich begangene That derBeffznahme polnischer Distrikte den Gedanken der Theilungbei Katharinen erweckt, und diese sonach den eben ,'n Peters-burg anwesenden Prinzen Heinrich von Preußen durch einflüchtiges Wort dafür entzündet, der lezte aber den König, seinenBruder, für dieselbe Idee gewonnen habe ist nicht von beson-derer Wichtigkeit. So viel ist gewiß, daß keine der drei Mächteeinen Entschuldigungsgrund hat, und daß, mag chronologischdie eine oder die andere zuerst die Sünde auf sich geladen haben,im Ganzen die Schuld aller drei die völlig gleiche ist. Nichterst brauchte Rußland oder Preußen von Oestreich belehrtoder daran erinnert zu werdxn, wie der Wehrlose zu beraubensey, und Rußland zumal Hatte bereits so schwere Mißhandlungan Polen begangen, daß selbst die, Theilung nichts Schlimmeres,ja gewissermaßen nur ein abgenöthigtcr Vergleich mit zweiAnderen über den im Geist bereits allein verschlungenen Raubwar. Auch hat Katharina sich nicht die Mühe gegeben, dieThat zu beschönigen. Friedrich iu. gesteht gleichfalls unum-wunden seinen Antheil daran. Nur Oestreich suchte den Vor-warf von sich abzulehnen durch Berufung auf die Nöthigung,die es von den beiden andern Mächten erfahren und auf dieUnmöglichkeit, die beschlossene Theilung anders als durch schwerenKrieg zu verhindern. Solche Vorstellungen mochten allerdingsvon Wirkung seyn, das Gewissen Marien Theresienö zu be-schwichtigen; und man fügte denselben noch bei das Interesse derkatholischen Kirche, auch die Wohlthat, welche den mit Oest-reich zu vereinigenden Polen durch die Milde der östreichischenHerrschaft zuginge. Aber Kaiser Joseph und der MinisterKauniz bedurften sicherlich dieser Gründe nicht, um sich zum
Vergl. Dohm'S Denkwürdigkeiten meiner Zeit, I.B. Beilage überdie erste Theilung Polens.