565
entging der Gefahr, sich selbst zu Hähern Anmaßungen hinaufzu stimmen, und eben so sehr an der öffentlichen Zuneigung ein-zubüßen. Durch einen beträchtlichen Theil von Europa verbrei-tete sich die Kunde dieser übel berechneten Unternehmung, nichtohne große Entstellungen und Anzüglichkeiten gegen die Regie-rung von Lern. Diese Erfahrung ging für die Regierungeben so wenig verloren, als vormahls die des Bauern-Aüfstandes.Sie wurde zur Verbesserung mancher Zweige der Verwal-tung benutzt. Die Regierenden beobachteten gefälligere For-men gegen ihre Mitbürger, und sie vermehrten die Leutselig-keit gegen das Landvolk. Schon lange war dieses frey vomDrucke des Jnnunge-Wesens, und fühlte kaum merklich städti-sche Vorrechte; denn Lern vereinigte seine ganze Kraft unterdem großen Banner des Bären, und zerschnitt dasselbe nicht indie kleinen Fähnchen des Distelzwanges, der Mezgern, Gerbern,
gerade ihm machten die Unzufriedenen den Vvrwurf, er habe nachErsteigung der obersten Stufen vor Andern die Ansprüche des Pa>tciziats begünstigt und den Nepotismus befördert. Er war dervierte Sobn eines wenig beachteten Festungs-Commandanken zu Aar-burg, galt beynahe für stumpfsinnig, hatte eine schwere Zunge. Manhoffte, ihm im Notariatsfache sein Auskommen zu verschaffen. Erbewarb sich um die Lanbschrsiberey Jnterlaken; allein da die Stim-men im Rathe getheilt waren, entschied der Vorsitzende Schultheißfür den Mitbewerber Gaudard. Durch großen Fleiß hatte der jungeSteiger unerwartete Fähigkeiten entwickelt, und sich mancherleyKenntnisse erworben. Seins Zurücksetzung bahnte ihm den Weg inden großen Rath. Nie gab er seine Anstrengungen auf, und >7Zlbelohnte der große Rath seine Verdienste durch die Schuitheißen-Würde. Von ihm sagt Albrecht von Haller:
Er hat, was herrschen ist, zu lernen erst begehrt.
Nicht wie oft Große thun, die ihre Stelle lehrt;
Er sucht im stillen Staub von halboerwesnen HäutenDes Staates Lebcnslauf, die Ebb und Fluch der Zeiten.