Orientalische Völker. Egypter. 85
Die Religion der Egypter war ihrem ursprünglichen Wesennach eine sehr einfache Lehre. Sie bestand in dem Glauben an eineinziges, unsichtbares höchstes Wesen, und die vielen Götter, welcheman verehrte, waren eigentlich nichts Anderes als dicPersonificationder verschiedenen Eigenschaften und Äußerungen jenes Wesens. Alleswar also in dieser Religion sinnbildlich. So sahen dieselbe aber nur diewenigen Priester an, welche in die Erkenntniß des eigentlichen Wesensder egyptischen Religion eingeweiht waren. Die große Masse desVolkes dagegen glaubte an die wirkliche Eristen; aller jener Göt-ter, hielt die von ihnen erzählten Mythen, welche eigentlich auchnur allegorische Darstellungen der Glaubenslehren hatten seinsollen, für buchstäblich wahr, und hatte somit einen reinen Götzen-dienst. Da die Priester absichtlich die Wahrheit von dem Volkefern hielten, so entwickelte sich daraus der ärgste Aberglauben. Dazukam noch, daß die Vorstellungen von dem Leben nach dem Todedas Volk in der Erfüllung seiner Ncligionsgcbräuche sehr ängstlichmachten, daß es dadurch immer abergläubiger wurde, und daß sodie egyptische Religion zuletzt in einen Unsinn ausartete, der selbstheidnischen Völkern der Vorzeit ein Gräuel war, und in welchemdie ursprüngliche reinere Quelle sich kaum noch entdecken ließ. In Be-treff des Lebens nach dem Tode glaubten die Egypter an eine Seelen-wanderung. Nach ihrer Ansicht nämlich hat jede menschliche Seele vorder Geburt die verschiedenen Gattungen von Land-, Wasser- undLuft-Geschöpfen durchwandert; nach dem Tode aber kommt sie indie Unterwelt, Amenthi genannt, und wird hier von Osiris, demGott derselben, gerichtet. Wenn sie rein und gut befunden wird,so gelangt sie in eine schönere Welt, in welcher sie ungestört glück-lich lebt; ist sie aber mit Sünden belastet, so wird sie an einemhöllischen Orte durch Qualen bestraft, kommt hierauf in den Leibeines Thieres, und muß mindestens 3000 Jahre lang wieder dieverschiedenen Thierarten durchwandern; dann aber kehrt sie zurMenschheit, und zwar in ihren eigenen früheren Leib zurück.
Das höchste Wesen, dessen Attribute und Eigenschaften, nachder Geheimlehre der Priester, durch die vielen von den Egypternverehrten Götter dargestellt wurden, hatte bei den Egyptern keinenNamen, und wurde unter keiner Gestalt gedacht. Die übrigen aberzerfielen in acht große und viele kleinere Götter, und außerdem ver-