302 Geschichte der alten Welt.
nach der Vorstellung der Griechen die Sundenschuld auf daS ganzeathenische Volk; allein am meisten hatte» sich dabei die Alkmäo-niden, eine der vornehmsten Familien Athcn's, thätig gezeigt, unddeswegen lastete der Fluch des Verbrechens besonders auf ihnen.In späteren Zeiten benutzte der Parteizwist diesen Vorfall öfters,um einen oder den andern der Alkmäoniden dadurch zu verdrängen,daß man den Aberglauben des Volks gegen seine fluchbeladeneFamilie aufregte, und so die Vertreibung derselben bewirkte.
Bald nach dem Borfall geriethen die Athener wegen des Zornsder Götter in Unruhe, und auf den Antrag des nachher so berühmtgewordenen Solon, welcher um jene Zeit zum ersten Mal öffent-lich auftrat, wurden die Theilnehmer an dem Morde von Gerichts-wegen für schuldig erklärt. Diejenigen von ihnen, welche noch amLeben waren, mußten das Land Attika verlassen, die Gebeine derVerstorbene» aber wurden auSgegraben und über die Grenze ge-bracht. Doch beruhigte man sich damit noch nicht, sondern als eineansteckende Krankheit in der Stadt ausbrach, und die zu Attika ge-hörende Insel Salamis von den Megareern erobert wurde, deuteteman dies als Strafe der noch immer erzürnten Götter, und glaubtesich nicht eher zufrieden geben zu können, als bis die Stadt auffeierliche Weise von der Sündenschuld gereinigt sei. Um diese.Sühnung gehörig zu vollbringen, ließ man den berühmten EPi-nie nid es aus Kreta, einen Freund Solon's, nach Athen kommen(597 v. Chr.). Epimenites war ein Mann, der wie Ppthagorasmit dem geheimnißvollen Äußeren eines orientalischen Priesters dieEinsicht, Wahrhaftigkeit und Uneigennützigkcit eines griechischenStaatsmanns und Wcltwcisen verband; und sein Freund Solonerscheint bei der Hcrbeiziehung dieses priesterlichen Weisen als einervon den Männern, welche des Orients mystische Ceremonien demgriechischen Staatswesen anzupassen suchten, um die von ihnen ge-priesene und geförderte Freiheit des Volks durch die Religion inSchranken zu halten. Epimenides, dem man einen Verkehr mitden Göttern zuschrieb, und von welchem man außer andern Wun-dern auch erzählte, daß er als Jüngling einst in einen nicht we-niger als vierzig Jahre dauernden Schlaf verfallen sei, reinigte dieStadt Athen durch sonderbare Ceremonien von ihrer Schuld. Zugleicher Zeit richtete er aber auch den dortigen Cultus neu ein, und