At4 Geschichte der alten Welt.
hörten auch nach Solon's Gesetzgebung nicht auf; denn da nachder neuen Verfassung die Ämter nur den ersten Klassen zugänglichwaren, so mußte alsbald ein Kampf der Familien und der Einzel-nen um Ehre und Einfluß entstehen; ja, weil die Volksversamm-lung, sowie der aus ihr hervorgehende Rath und die Gerichte demgesammten Volke anheim gegeben waren, so mußte dieser Kampfjetzt bei weitem stärker werden und viel mehr die ganze Bürger-schaft beschäftigen, als früher. Namentlich konnte ein Einzelner,welcher einige Gewandtheit besaß, die bedenklichsten Unruhen da-durch erregen, daß er die große Masse der Bürger von der viertenKlasse, die an den Gerichten und an der Volksversammlung Theilnahmen, für sich zu gewinnen wußte. Außerdem war Solon nichtim Stande gewesen, die Parteien der Pediäcr, Paralier und Dia-krier zu vernichten. Bald brachen daher von neuem heftige Partei-zwiste aus. Megakleö, das Haupt der Alkmäoniden, derenSündenschuld damals in Vergessenheit gerathen war, stand an derSpitze der Paralier, Lykurg war der Leiter der Pediäcr; Beidearbeiteten gegen einander, und Solon scheint nicht Einfluß genuggehabt zu haben, um der Parteiung steuern zu können. Er verließdamals, vielleicht gerade deswegen, seine Vaterstadt, und reiste nachKleinasien und Egyptcn (571 v. Chr.). Auf dieser Reise war es,wo er mit dem reichen und mächtigen König Krösus von Lydie»die oben (S. 127) erwähnte Zusammenkunft hatte. Nach einerAbwesenheit von zehn Jahren kam Solon in seine Vaterstadt zu-rück, in welcher der Kampf der Parteien unterdessen ununterbrochenfortgedauert hatte. Er vermochte demselben auch jetzt nicht zusteuern, und mußte es sogar noch erleben, daß einer der Partei-führer sich zum Tyrannen auswarf.
Während der Abwesenheit Solon's hatte nämlich ein naherAnverwandter desselben, Pisistratus, neben jenen beiden Parteieneine dritte gebildet, welche ganz demokratisch war und deswegendie der Diakrier hieß. Sein Ziel war die Alleinherrschaft, undum dasselbe zu erreichen, hatte er sich an die Spitze der Bolks-partei gestellt, weil dies der Weg ist, der in unruhigen Demokra-tien gewöhnlich dazu führt. Seine Partei war die zahlreichste,und er selbst war vermöge seiner persönlichen Vorzüge ganz derMann, um das Volk zu gewinnen und für sich zu begeistern; allen