Band 
Erster Band.
Seite
326
JPEG-Download
 

Z 26 Geschichte der alten Welt.

wegen ihrer Kunstgeschicklichkeit gepriesen und die Schöpfer derältesten griechischen Bauwerke genannt. Ebenso, wie mit diesenKunstsagen, verhält es sich auch mit den Nachrichten über die An-fänge der griechischen Literatur. Die Sage zählt die Namen einergroßen Zahl von Männern auf, welche schon in der ältesten Zeitdichterische Werke verfaßt und hohe Weisheit gelehrt haben sollen;und von einigen derselben berichtet sie eben solche Wunder, wievon Dädalus und andern Künstlern. Ja, es haben sich sogar un-ter dem Namen dieser Urschriftsteller bis auf unsre Tage Werkeerhalten; diese sind aber alle untergeschoben, sie wurden in spätererZeit verfaßt und ebenso für uralt ausgegeben, wie in unsern Tagenalte Münzen und andere Alterthümer. Nur in einigen derselbenmögen einzelne alterthümliche Ideen, sowie Überreste jener altenFormeln enthalten sein, welche bei allen Nationen die rohen An-fänge der Gotteserkenntniß und Gotteöverehrung dunkel aussprechen.Die Poesie jener mythischen Dichter ist hauptsächlich eine religiöse,und diese Männer erscheinen in den Überlieferungen der Sage alsheilige Sänger und Erzähler und als Propheten.

Die berühmtesten mythischen Dichter und Urschriftsteller derGriechen sind: Linus von Chalcis, welcher ein Sohn Apollo'sund einer der neun Musen genannt wird, Melampus, der dieSprache der Thiere verstanden, und deshalb eine große prophetischeGabe besessen haben soll, Thamyris, ein Thracier, der einst dieMusen zu einem poetischen Wettstreit herausforderte, die sogenann-ten Sibyllen oder Wahrsagerinnen der Urzeit, welche jedoch nichtalle dem griechischen Volke angehören, und unter denen die vonKumä in Unteritalien die bekannteste ist, vor allen Andern aberendlich Orpheus und Musäus. Unter dem Namen der beidenletzteren Dichter sind einige Werke auf unsere Zeit gekommen, diesesind aber in der so eben angegebenen Weise entstanden und folg-lich als untergeschoben anzusehen. Orpheus, dessen Lebenszeitin das vierzehnte Jahrhundert v. Chr. fällt, war nach der Sageder Sohn eines thracischen Königs und der Muse Kalliope, nahmTheil an dem Argonauten-Zuge, und besaß eine solche Kunst desGesangs und der Leier, daß er wilde Thiere herbeilockte, Bäumeund Felsen ihm nachzufolgen zwang, und selbst den Lauf der Flüsseund Winde aufhielt. Durch die Macht seines Gesanges bewog er