Z28 Geschichte der alten Welt.
Er gehörte dem Lande Jemen an; welche Stadt desselben aberseine Vaterstadt war, ist unbekannt. In der späteren Zeit strittensieben griechische Städte um die Ehre ihn geboren zu haben, vondenen nach der Meinung des Alterthums Smprna und Chivs diemeiste Wahrscheinlichkeit für sich hatten. Die Sage läßt ihn blindgewesen sein, allein seine Werke zeugen dafür, daß dies nicht derFall war.
In neuerer Zeit hat ein deutscher Gelehrter, Friedrich AugustWolf, mit großem Scharfsinn ;» beweisen gesucht, daß die beidenerwähnten Heldengedichte, welche die alten Griechen dem Homerzuschriebe», nicht das Werk eines einzigen Mannes seien, sonderndaß sie aus einer Zusammensetzung einzelner Gedichte beständen,welche von verschiedenen Dichtern der heroischen Zeit verfaßt, underst lange nachher zusammengefügt worden wären. Diese Be-hauptung gründet sich hauptsächlich darauf, daß die Griechen zuHomer's Zeit die Schreibekunst noch nicht kannten, und daß in denverschiedenen Theilen der Jliade und Odyssee Ungleichheiten in derSprache und den Vorstellungen vorkommen. Um Wolfs Ansichtzu verstehen, muß man den Charakter der Dichtkunst in einer Hel-tenzcit richtig auffassen. Wie nämlich in einer solchen einfache»Zeit ein und derselbe Geist alle Helden durchdringt, so hat auckdie Dichtkunst einen bestimmten, sich gleich bleibenden Charakter:alle Sänger haben die gleiche Art und Weise der Auffassung undBehandlung, und dichten in derselben Form, so daß durch ihre ver-schiedenen Werke Ein Ton durchgeht, und daß diese, zum großenUnterschied von der modernen Dichtkunst, das Aussehen haben, alswenn sie von einem einzigen Manne verfaßt wären, und folglichauch leicht zu einem größeren (Mnzen zusammengesetzt werden kön-nen. Auch pflegen die Gesänge dieser Dichter nicht niedergeschriebenzu werden, sondern sie werden von ihnen mündlich vorgetragen,und durch das bloße Gedächtniß auf die Nachlebenden fortgepflanzt.
Wolfs Ansicht ist noch fetzt ein Gegenstand des Streits unterden Gelehrten, welche zum Theil dieselbe angenommen haben, zumTheil bei der Meinung der alten Griechen verharren, und alsoglauben, daß nicht etwa blos einzelne Stücke der Jliade und Odyssee,sondern diese beiden Werke selbst von Homer verfaßt seien. Un-bestreitbar gewiß ist nur das, daß beide Gedichte, erst nachdem sie