436 Geschichte der alten Welt.
daß er außer den jungen Officicren, die sich um ihn sammelten,irgend jemand hätte gefallen können. Mne viel größere Bedeutung,als NiciaS, Demosthenes und Lamachus, erhielt Kleon. DieserDemagog von ganz eigener Art verdankte seinen Einfluß wederirgend einem Verdienste, noch seiner Bildung, noch der Geburt oderdem Reichthum, sondern der Entschiedenheit, Zuversichtlichkcit undFrechheit, mit welcher er auftrat, sowie dem rohen Hasse, mit demer alle Vornehmen oder Gebildeten als angebliche Aristokraten demVplke verdächtig machte, und sich selbst auf Kosten seiner Gegnerin dessen Augen hob. Er galt wegen dieses Verhaltens in den Augen desPöbels für einen wahren Volksfreund, sein Geschrei für Beredsam-keit, sein Schimpfen und Schelten für Einsicht. Kleon war seinemGewerbe nach ein Fabrik-Inhaber, er besaß eine große Gerberei,welche er durch seine Leute betreiben ließ. Der KomödienschreiberAristophanes und der Philosoph Plato nennen ihn deswegen einenGerber; sie spotten über diesen Gerber, der den Staat regierte,weil auch. in Athen, ungeachtet aller Demokratie, wie bei unsgewöhnlich nur Männer, die sich ausdrücklich den Staatsgeschäftenwidmeten, öffentlich auftraten, diese aber stets Gewerbe und Er-werb fahren ließen, und sich blos mit Staatsangelegenheiten be-schäftigten.
Der Krieg wurde nach Perikles Tod in der früheren Weisefortgesetzt: das peloponnesische Landheer fiel jedes Jahr verheerendin Attika ein, und die beiderseitigen Flotten plünderten und ver-wüsteten einzelne Küstenpunkte, unterstützten die Empörungen, welchehie und da Statt fanden, und lieferten einander zuweilen kleinereTreffen, die meistens zum Vortheil der Athener ausfielen. Imvierten Jahr des Kriegs (428) fiel die Insel Lesbos von Athenab, sie wurde aber, obgleich eine peloponnesische Flotte ihr zu Hülfeeilte, im nächsten Jahr wieder unterworfen. Die Hauptstadt Mity-lene, welche lange belagert worden war, mußte sich auf Gnadeund Ungade ergeben, und in Athen faßte die Volksversammlungauf das Betreiben Kleon's den Beschluß, daß alle Männer dereroberten Stadt hingerichtet, die Weiber und Kinder aber alsSklaven verkauft werden sollten. Am folgenden Tage jedoch ge-lang es dem besseren Theile der Bürgerschaft, das Volk umzu-stimmen; der grausame Beschluß wurde dahin abgeändert, daß nur