Griechen. Der Frieden des Nicias. 447
10. Geschichte der Griechen vorn Frieden des Nicias an
bis zum Wiederausbruch des peloponnesischenKriegs.
Unmittelbar nach dem Abschluß des Friedens begingen dieAthener eine nene demokratische Grausamkeit durch die blutige Rache,mit welcher sie die Bewohner von Skione, einer Stadt auf Chal-cidike, dafür bestraften, daß sie im Anfange des Jahres 423 v. Chr.zu den Peloponnesiern abgefallen waren. Diese Stadt, welche vonden Athenern lange vergebens belagert worden war, wurde baldnach dem Ende des Kriegs gezwungen, sich auf Gnade und Un-gnade zu ergeben. Die Athener führten setzt den Beschluß aus,den sie bereits früher, bei der Nachricht vom Abfall Skione's, aufKleon's Antrag gefaßt hatten. Alle Männer der Stadt wurdenhingerichtet, die Weiber und Kinder aber als Sklaven verkauft, unddas Gebiet von Skione den Plattiern geschenkt. Wie das athenischeVolk die Skionier im eigentlichen Sinne des Wortes ausrottete, sohatte es zwei Jahre vorher alle Delier mit Weibern und Kindernvon ihrer Insel vertrieben. Diese Unglücklichen hatten bei einempersischen Statthalter in Kleinasien Aufnahme gefunden. Jetztbrachte das abergläubische athenische Volk dieselben in ihre Heimathzurück, weil man die seitdem erlittenen Unglücksfälle dem dadurcherregten Zorne der Götter zuschrieb.
Ruhe war bei der Mannichfaltigkeit der StaatsverfassungenGriechenlands, bei den erblichen Zuneigungen und Abneigungen,bei dem gänzlichen Mangel eines Mittelpunkts und bei der Mengeunruhiger Köpfe nicht wohl möglich; und man möchte fast sagen,Bewegung war nothwendig, wenn nicht die ungeübte Kraft er-schlaffen oder schädlich werden sollte. Außer diesen allgemeinenUrsachen wirkte aber auch der besondere Ehrgeiz eines Athenerszum Wiederausbruch des Krieges mit. Dies war Alcibiades,ein noch ganz junger Mann, welcher damals zuerst sich in Staats-geschäfte zu mischen begann, und die Neigung seiner Mitbürger zuweit aussehenden Unternehmungen trefflich zu benutzen wußte. Erwar sehr reich und wie Perikles von altem Adel. Er bildete sichauf seinen Stammbaum wie aus seine großen Güter nicht wenigein; dennoch wählte er die Rolle eines Kleon, nur mit etwas mehrWürde und in anderer Art. Unter der Vormundschaft des ihm