448 Geschichte der alten Welt.
nahe verwandten Perikles erzogen und gebildet, ungemein schön,von Haus aus sehr wohlhabend, seit seiner Verheiratung mit desreichen Kallias Schwester aber, welche ihm eine Mitgift von zehn-tausend Talenten (26 Mill. Gulden oder 14'/, Mill. Thlrn.) mit-brachte, im Besitz eines so großen Vermögens, daß dasselbe sogarheutiges Tages in England ein glänzendes heißen würde, von allenPhilosophen gesucht, geistreich, witzig, tapfer, mit angeborenem Feld-herrnblick, wäre er, wie Plato sagt, ein zweiter Perikles geworden,wenn er sich nur einige Jahre ruhig ausgebildet hätte. Allein dergewöhnliche Gang war ihm zu langweilig, er wurde plötzlichStaatsmann, und das athenische Volk freute sich, von einem genialenJüngling geleitet zu werden, der im Schwelgen und in jedemFrevel eines wüsten Lebens eben so groß war, als in den In-triguen und Listen politischer Verhandlungen.
Alcibiades ist wegen der vielen äußeren und inneren Vorzüge,die sich in ihm vereinigten, sowie wegen des Wechselvollen undAbenteuerlichen seines Lebens einer von den Männern, welche vor-zugsweise das Interesse der auf bloße Unterhaltung bedachtenMenschen erregen, und deswegen haben die von diesem Standpunktaus schreibenden Schriftsteller des Alterthums uns viele Anekdotenvon ihm überliefert, deren Wahrheit bei den meisten von ihnen sehrdahin steht, die aber angeführt werden müssen, weil häufig auf sieBeziehung genommen wird. Manche dieser Erzählungen könnenzugleich auch dazu dienen, den sittlichen Zustand der Griechen jenerZeit anschaulich zu machen; namentlich zeigen einige derselben inrecht auffallender Weise, wie sehr das athenische Volk damals ent-artet war, und wie viel ein mächtiger Mann in einer Demokratie,wie die der Athener war, sich erlauben konnte.
Der Ehrgeiz, welcher diesen merkwürdigen Mann sein ganzesLeben hindurch beseelte, und ein kecker, rücksichtsloser Muthwillewerden schon als hervorstechende Züge seiner Kinderjahre angeführt.Außer manchen andern Anekdoten, welche seinen bereits in derKinderzeit geäußerten Trotz bezeichnen, erzählt man von ihm, daßer nie zu bewegen war, die Flöte zu lernen, weil das Flötenspieldas Gesicht entstelle, und man dabei nicht reden oder singen könne.Man erfand noch als Zusatz zu dieser Anekdote etwas demjenigenÄhnliches, was auch von Themistokles erzählt wird (s. oben S.354);