Italien. Napoleon und Pins VH. 1808 bis 1807. 16N
Pabstes auch dann nicht entbehren, als er mit ihm in einen offenenZwist gerathen war. Pins setzte aber allen Forderungen Napoleon'sden hartnäckigsten Widerstand entgegen, und als ihn dieser zuletztseiner weltlichen Macht gewaltsam beraubte, ward der Pabst durch dieVerfolgung nur stärker und mächtiger.
Napoleon hatte vor dem Ausbruche des Krieges von 1805 denPabst aufgefordert, seine Neutralität aufzugeben, und als Pius sichnicht dazu verstehen wollte, hatte er Ancona besetzen lassen. Dieswar der Anfang eines Zwistes, welcher nachher immer heftigerwurde. Schon im Januar 1806 nahm Napoleon dem Pabste ge-genüber sogar die Rechte Karl's des Großen in Anspruch. Ersprach nämlich in einem Schreiben, welches er damals nach Romschickte, geradezu aus, der Pabst sei zwar Herr von Rom, er selbstaber römischer Kaiser. Der Streit drehte sich sehr bald nicht mehrblos um die politische Stellung des Pabstes, sondern auch um ein-zelne Punkte des Concordats und um die Bestimmungen des Napo-leonischen Gesetzbuches über die Ehe, also um rein geistliche Dinge.Dazu kam nachher noch, daß Pius bei Gelegenheit der ErhebungJoseph Bonaparte's zum Beherrscher von Neapel die schon im elf-ten Jahrhundert und nachher immer wieder geltend gemachte päbst-liche Lehenshoheit über das neapolitanische Reich (s. Th. VI., S.215) in Anspruch nahm, und zugleich mit Elise Bacciocchi in Streitgerieth, weil diese das französische Concordat in ihrem FürstenthumLucca einführte. Napoleon hatte, um den Pabst zu ängstigen, denbarschen und heftigen Alquier zu seinem Gesandten in Rom er-nannt. Als aber Pius sich nicht einschüchtern ließ, schritt Napoleonzu offener Feindseligkeit. Er ließ ohne Weiteres einige Theile desKirchenstaates militärisch besetzen, nachdem er vorher schon zweipäbstliche Fürstenthümer an Franzosen verschenkt hatte (s. S. 109 f.).Endlich sah er jedoch ein, welch großen Fehler er begangen habe,als er die bischöflichen Rechte den päbstlichen geopfert hatte, da inFolge davon Pius seinen Widerstand auf Napoleon's eigene Zuge-ständnisse von 1802 gründen konnte. Der Kaiser suchte daher, alsder Ausbruch des Krieges mit Preußen bevorstand, einzulenken.Er ließ dem Pabste Anträge zu einer Verständigung machen; dieserging jedoch auf dieselben nicht ein. Dadurch kam es dann von derzweiten Hälfte des Jahres 1807 an zum völligen Bruch.