Europa. Der Wiener Kongreß. 425
zosen von den Berathungen über die ihnen entrissenen Länder aus-zuschließen. Auch der englische Gesandte in Wien war diesem Be-schlusse beigetreten. Talleyrand wußte jedoch mit Hülfe Castlereagh's,welcher erst später in Wien eintraf, durchzusetzen, daß acht Mächte,nämlich England, Rußland, Östreich, Preußen, Frankreich, Spanien,Portugal und Schweden, den Kongreß bilden sollten. Schon vorder förmlichen Eröffnung dieser Versammlung erhob sich, mittenunter der scheinbaren Vertraulichkeit und den gemeinsamen Festen,ein verderblicher Zwist, weil Rußland ganz Polen, Preußen dasganze Königreich Sachsen für sich in Anspruch nahm, die dreianderen Hauptmächte aber den Absichten beider Staaten mit Ent-schiedenheit entgegentraten. Die Kongreß-Verhandlungen begannendaher mit einem heftigen Streite, welcher alle Gemüther und Federnin Bewegung brachte. Dieser Streit ward noch heftiger, als am10. November Rußland das Königreich Sachsen, dessen Verwaltungbisher von ihm geleitet worden war, an Preußen übergab. Ruß-land hatte das Herzogthum Warschau, Preußen das linke Rhein-Uferbereits militärisch besetzt; Ersteres sammelte in Polen eine unter desKaisers Bruder Constantin stehende Armee von dreimalhunderttausendMann, und Preußen schien im Vertrauen auf Nußland's Beistandvon Sachsen Besitz nehmen zu wollen, ohne die Entscheidung derDiplomaten in Wien abzuwarten. Dieses gewaltthätige Verfahrenzweier Mächte hatte die unmittelbare Folge, daß auch Östreich ein be-deutendes Heer in Mähren zusammenzog. Ein Bruch der fünf Groß-mächte schien also unvermeidlich. Am 19. December wurde den be-rathenden und streitenden Diplomaten noch dazu eine neue Ver-legenheit bereitet, indem an diesem Tage Talleyrand auf Befehlseines Königs die Forderung machte, daß Mürat aus Neapel ver-trieben und die neapolitanischen Bourbonen in ihr ganzes früheresReich wieder eingesetzt werden sollten.
Für die Verbesserung des Schicksales der Deutschen war aufdem Wiener Kongresse niemand besorgt. Im Gegentheil, Metternich,Gras Münster, welcher Hannover vertrat, und andere deutsche Diplo-maten arbeiteten den Absichten Preußen's auf Sachsen nicht blos ausNeid und Eifersucht, sondern auch darum entgegen, weil alle patrio-tisch gesinnten Deutschen sich einem Staate verpflichtet fühlten, wel-cher nicht nur ihr Vaterland befreit, sondern auch die deutsche