414 Geschichte der neuere» Zeit.
den philosophischen und idealen Charakter seiner Lyrik, fand seineGedichte allzu ernst, und klagte, daß er nicht so gut verstanden wer-den könne, wie Bürger. Auch Göthe fand nicht einmal bei seinenFreunden Beifall, als er 1787 das Meisterstück poetischer Einfach-heit und einer edeln, reinen, vollendeten Sprache, die Jphigenie,bekannt machte. Sogar in den Hauptsitzen deutscher Bildung, inWeimar und Jena, sprach die gebildete Welt, wie man aus einemvon Böttiger geführten Tagebuch ersieht, noch um 1795 den heftig-sten Tadel über beide Männer aus, und bespöttelte sogar die Er-zeugnisse ihres Talentes auf eine für dieselben empfindliche Weise.
Die neue Revolution oder richtiger der letzte Aufschwung dessich umgestaltenden neuen Lebens in Deutschland, dessen Nothwen-digkeit aus den angedeuteten Zuständen zu erkennen ist, ging voneiner neuen Philosophie aus, welche in Jena entstand, und nichtnur reformirend in die Literatur Angriff, sondern zuletzt sogar einenpolitischen Einfluß ausübte. Doch wirkten dabei zugleich Schillerund Göthe, sowie eine damals neu entstehende Gattung von Dich-tern, die sogenannten Romantiker, und das großartige Schauspielder französischen Revolution mit. In Jena herrschte am Ende des18ten Jahrhunderts die Freiheit im Lehren und Denken, fürwelche damals ganz Deutschland mit Ausnahme der sächsischen Herzog-thümer verschlossen war. Dort und in Weimar hatte auch derJournalismus seinen Hauptsitz oder doch wenigstens seine Haupt-quelle. Ferner war damals im Herzogthum Weimar ein solcherZusammenfluß von geistig ausgezeichneten und berühmten Männern,daß dieses Land allgemein für Deutschlands Attika galt. Endlichhatte seit dem Auftreten Reinhold's (s. Th. XVII., S. 122) auchdie Philosophie ihren Sitz in Jena aufgeschlagen, und dort eineBedeutung erhalten, die man auf deutschen Universitäten sonst nurden Brodwissenschaften zu gewähren Pflegt. Von Jena und Weimaraus ward also auf ganz natürliche Weise die einst durch Lessing be-gonnene Reformation unserer Literatur vollendet.
Reinhold wirkte seit 1787 in Jena für die Verbreitung derKantischen Philosophie, und erweckte ebenso durch die ihm eigeneKlarheit im Auffassen und Denken, wie durch die Form seinerVortrüge bei der studirenden Jugend ein ganz ungewöhnliches In-teresse für innere und philosophische Bildung. Er wußte die Kantische