Deutsche Literatur. Gothe und Schiller. 448
erinnern in dieser Hinsicht namentlich an das 1784 erschienene dritteStück Schiller's, Kabale und Liebe.
Ein zweiter wichtiger Punkt in Betreff des Einflusses und derWirkung dieses Dichters ist die Hypergenialität, welcher es Schillerverdankte, daß er seiner Zeit den Kraft-Genies beigezählt ward.Dies gilt besonders von seinem ersten Drama, den Räubern.So viel Unnatürliches, Schaudererregendes und Unwahrscheinlichesaber auch in diesem Drama ist, so wirkte doch der Geist, der inihm weht, wie ein Blitzstrahl und traf die herrschende Flachheit,Sentimentalität und Mittelmäßigkeit mit furchbarem Schlage.Schillers Namen war seit der ersten Aufführung der Räuber (1781)in Aller Mund. Auch der Pomp und Pathos, der sich in Schiller'sersten Stücken zeigte und ihrem Verfasser sein ganzes Leben hin-durch eigenthümlich blieb, hatte eine große Bedeutung, weil vermit-telst desselben derjenige Theil der Nation, der sich in Göthe's kalteRuhe und Einfalt nicht finden konnte, über die enge Sphäre desbürgerlichen Lebens zur Idealität emporgehoben wurde. Die Haupt-bedeutung von Schiller's Dichtungen aber liegt in der ihm eigen-thümlichen philosophischen Lyrik. Niemand wußte besser als er, fürein gemüthliches, schwärmendes Volk den rechten Ton zu treffen, umdie Resultate der Philosophie ganz unmütelbar in die Seele einesjeden Lesers zu bringen, welcher der Begeisterung für das Idealefähig war. Schiller ist hauptsächlich wegen dieses Charakterzugesseiner Poesie der Liebling des deutschen Volkes geworden und ge-blieben, dessen Gemüthlichkeit er theilte, und dem er, gerade weiler nicht so schöpferisch war wie Göthe, näher stand als dieser.
Eine Selbsttäuschung des Dichters war es dagegen, als er aufden Gedanken kam, auch als Gelehrter zu philosophiren; denn dazufehlte ihm die wissenschaftliche und gelehrte Durchbildung. Seinephilosophischen Aufsätze, welche meist ästhetische Gegenstände behan-deln, konnten den Gelehrten nicht genügen, für das Volk aber warensie zu dunkel. Sie waren dem Kantischen System angepaßt, wäh-rend dagegen die lyrischen Gedichte Schiller's ihrem philosophischenInhalte nach weder dem kalten Kantischen Moral-Princip entspra-chen, noch auch Glauben und Ahnung einer höheren Weltordnungdem Verstände zum Opfer brachten.
Schloffer'S Weltgesch. f.d. d. V.xvm.
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