Band 
[Achtzehnter und neunzehnter Band.]
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Französische Literatur zur Zeit des Kaisertums. 471

schlossenes Ganze, und hatte noch dazu in manchen Gegenden Frank-reich's die Masse des Volkes für sich. Beide Parteien trugen jedein ihrer Art dazu bei, daß die alte aristokratische gesellige Unterhal-tung nebst der mit ihr zusammenhängenden Art von Literatur unter-ging, und daß an ihre Stelle eine neue Literatur trat, welche auseiner sonderbaren Mischung des Alten und des Neuen bestand.Diese Literatur war der nachher unter der Restauration herrschendwerdende französische Romantismus oder mit anderen Wor-ten jene zwiefache Art von schwärmender Literatur, welche auf dereinen Seite aus einer neu-christlichen, ritterlichen, faselnden, in ihremKern aristokratischen Dichtung und Sprache besteht und in Chateau-briand's Schriften ihr vollendetes Muster hat, auf der anderen Seiteaber ein dem demokratischen Geiste angehörendes Spielen mit Ge-danken, Bildern, Geschichten und Kunst ist, und dessen Meisterschaftder Romanschreiberin George Sand zuerkannt werden muß. Alsdie eigentlichen Schöpfer dieser neuesten französischen Literatur sindChateaubriand und Andre' Chenier, Marie Joseph Chenier's Bruder,anzusehen, welche Beide schon unter der Republik berühmt gewesenwaren, und von denen der Eine (Chenier) im Juli 1794 als einesihrer Opfer auf der Guillotine gestorben ist.

Andre Chenier war der Sohn einer griechischen Dame, undvereinigte daher griechische und französische Bildung mit einander.Er hat nur wenige Gedichte geschrieben, und diese würden an undfür sich allein ihm keine Bedeutung in der Literatur verschafft haben.Er suchte aber, wie Paul Louis Courier, vermittelst des Griechen-tums die Entfesselung der französischen Literatur zu bewirken, undhat dieses Ziel auch erreicht. Er benutzte nämlich die Griechennicht, wie unter uns Wieland, Voß oder auch die Schlegel sie be-nutzt haben, sondern wie sie von Göthe und Schiller benutzt wordensind. Mit anderen Worten, er erkannte die Schranken, innerhalbderen die griechischen Dichter zu stehen genöthigt waren, für dieneuere Dichtkunst nicht an, und setzte die Nachahmung der Griechendarin, daß man blos in ihrem Geiste, d. h. so, wie sie selbst inunseren Tagen gedichtet haben würden, schaffe und dichte. AndreChenier führte also die griechische Idealität in die französische Lite-ratur zurück. Er zeigte, daß man durchaus Franzose bleiben unddoch vom Geiste der vollendeten griechischen Dichtkunst durchdrungen