Germanisch-protestanti-scher Indivi-dualismus.
werden vorzugsweise von den romanischen Nationen getragen; diegermanischen Völker halten dagegen die Grundsätze der nationalenSelbständigkeit und der religiösen und politischen Freiheit auf-recht, und dringen nach der geistigen Bildung und gewerblichenThätigkeit vor, die der neueren Zeit ihren eigenthümlichen Cha-rakter und ihre Größe gegeben hat.
Es fällt in die Augen, daß in diesem Gegensatze dieselbe in-nerliche Verschiedenheit des Volksgeistes wirkte, die auch im Mit-telalter den römisch universellen Bestrebungen jenes germanischeGegengewicht bereitet hatte, das in der körperschaftlichen Gliede-rung der Gesellschaft, in den Sonderlingen des Lehnwesens gele-gen war. Wenn es in den mittleren Zeiten der Geist der Genos-senschaft war, der das Princip einer aristokratischen Freiheitausrecht erhielt, so hat sich dieser in der neueren Zeit in einen Geistdes Individualismus umgebildet, der die Saat demokratischerFreiheit gestreut hat. Dieser Zug des persönlichen Selbstgefühleshat in die deutsche Volksnatur den Trieb gelegt nach der Bildungund nach der daraus fließenden Selbständigkeit der möglichst Vie-len, nach ihrer freieren Bewegung im Glauben und im Wissen,in politischen Rechten, im Besitz und geschäftlichen Betriebe. Aufdieser Bildung, dieser freien Bewegung,'dieser Selbstthätigkeitaber beruht alle demokratische Ordnung und alle Möglichkeitihres Bestandes; diese große Lehre haben die germanischenStämme der damaligen romanischen, wie der heutigen slavischenWelt gegenüber den neueren Zeiten gegeben. Dieser Individua-lismus hat gegen die Gleichförmigkeit des religiösen Universalis-mus den Gegenschlag der Reformation bereitet, die Reformationihrerseits hat ihm neue Nahrung gegeben. Denn die religiösenUeberzeugungen bilden neben den materiellen Dingen das einzigeInteresse, das jedem Einzelnen ans Herzieht, in dem er sich als