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Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts / von G.G. Gervinus
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kratischen Resten einen ganz bürgerlichen Anstrich an; der,Fürstselbst legte den militärisch-aristokratischen Charakter deö mittelal-terlichen Häuptlings ab, und die Geistlichkeit, nicht mehr hierar-chisch abgeschlossen, rückte in die bürgerlichen Kreise hinein. Inden romanischen Landen dagegen blieb das Mittelalter mehr oderminder zurück. Unter den deutschen Völkern bildete sich ein geisti-ges Leben, das von der Pflege der Geistlichkeit, des Hofes, derRegierung unabhängig war, bei den Romanen erstickte es unterder geistlosen Religion und der freiheitlosen Verfassung. Spanienhätte in Folge seines kolonialen Vorsprungs alle Nationen anGewerbfleiß und Handel überbieten sollen, allein die Unwissenheitdes willkührlichen Regiments und der Geistlichkeit störte durchunsinnige Auswand -, Erzeugungs - und Ausfuhrgesetze die Bewe-gung der bürgerlichen Thätigkeit, die durch die Bigotterie undTrägheit des Volks ohnehin schon gelähmt war; die Manufaktu-ren verfielen, die Bergwerke wurden verschüttet, der Ackerbau er-lag unter mittelalterlichen Lasten; die Nation verarmte bei derglänzendsten äußeren Macht; die Bevölkerung von goldenenTellern kärgliche Bissen und die Fabel von König Midas war voneinem Staate zu erzählen. Dieweil gründeten sich aus die Rüh-rigkeit holländischer und englischer Kaufleute neue Staaten undMächte mit ganz neuen Hülfsmitteln, die der bürgerliche Gewerb-fleiß beschaffte. Diese Selbständigkeit und freie Strebsamkeit desVolks hielt der fürstlichen Unumschränktheit, hier und da selbstohne politische Formen, ein einschränkendes Gegengewicht, wäh-rend sie in den romanischen Landen viel längeren und freierenSpielraum behielt. Und während Spanier und Franzosen erfolg-los ihre Kräfte vergeudeten in dem Streben nach großen einheit-lich regierten Staatsgebieten, machte sich der individualistischeTrieb der Germanen fortwährend auch in ihren Staatsbildungengeltend: Alles strebte darin nach Selbständigkeit und Selbstregic-