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Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts / von G.G. Gervinus
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ihn hier unter der spanischen Herrschaft zuerst gepredigt, die grau-samen Verfolgungen und Kriegsscenen hatten die Eiferer unterGeistlichkeit und Volk noch fanatischer gemacht, ihre Unduldsam-keit war es, die die Abtrennung Belgiens verschuldete. DieserGeist des Volks ward, wie sich die Republik erst geordnet hatte, vondem Patrieiat nicht getheilt. Als die berühmten ArminianischenStreitigkeiten den Staat in schroffe Parteien zerrissen, standen diestädtischen Optimaten auf der Seite der für alle späteren Fortschrittein der reformirten Kirche bedeutsamen Arminianischen Lehre, inder die Härte des calvinischen Dogma's von der Gnadenwahlnach dem natürlichen Gefühle der Freiheit gemildert war. Bil-dung und Duldsamkeit, Handelsrückstchten und Weltverkehr, derpolitische Grundsatz, daß die Kirche unter der Staatsgewalt stehenmüsse, zog das Patrieiat auf diese Seite; für den strengen Calvi-nismus kämpften die Geistlichen, die die Kirche vom Staat unab-hängiger wollten, das Volk, das ihnen blind folgte, die belgischenEinwanderer ohne Bürgerrecht, die natürlichen Gegner der Aristo-kratie. Des Statthalters Macht und Gewalthaberci gab auf derDortrechter Synode (1618) den Ausschlag für die demokratischeSeite gegen die Arminianer. Aber kanm war nun die calvinischePartei Sieger, so erlag sie der Uebermacht der politischen Verhält-nisse: sie hielt das Staatssupremat über die Kirche aufrecht, dasdie Aristokraten immer verfochten hatten, und mit ihm die Kirchen-ordnung von 1591, die von eben dieser Aristokratie ausdrücklichgemacht war, um die Anstellung der Geistlichen und dadurch dieKirche in ihrer Hand zu haben. Vielleicht ist es gestattet, in demKern der calvinischen Lehre selbst dasselbe aristokratische Princip zuerkennen', auf das wir in den Verfassungen hindeuten. Die fatali-stische Lehre (,,äeeoetuin Iwrcibile"), nach der mit GotteS all-schöpferischer Voraussicht nothwendig eine Wahl verbunden ge-dacht wird, kraft der er die Menschen nach seiner Gnade oder