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Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts / von G.G. Gervinus
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Willkühr zu ewigem Heil in sein himmlisches Reich berufe oderdavon ausschließe, ohne Rücksicht auf ihr Verdienst und Verhal-ten, stieß damals nur die wenigen menschlich-milden Naturen,die Arminius, Melanchthon, Bolsee und ihren Anhang ab; sieempfahl sich dagegen der herben Sittenstrenge und dem astrologi-schen Hange einer abergläubischen Zeit; sie empfahl sich ihr aberauch durch ihre natürliche Verwandtschaft mit jenen herrschendenStaatseinrichtungen, wo zu der Würde und Macht im irdischenStaate nur die oberste Gewalt nach ihrer Gunst und Willkühr nurdie Berufenen zuließ. Geht man auf den Neubegründcr dieser Au-gustinischeuLehre, aufCalvin selber zurück, so erklärt sich aus seinerpersönlichen Natur sowohl ihr aristokratischer Charakter, als auchdie conservative Festigkeit, mit der er auf ihr, wieLuther auf seinerAbendmahlölehre, bestand. Calvin war schon durch seine Schule,durch seine klassischen und juristischen Studien, durch die Ver-standesschärfe in seinen Schriften mehr als der Volksmann Lutherden höheren gebildeten Ständen zugeneigt. Er wandte sich anfangsmit seiner Reform an die Höfe von Frankreich und Ferrara, undwar alsdann in steter Verbindung mit den französischen Großen,eine Zeit lang im Verkehr mit dem polnischen Adel; und bekannt-lich war es in Frankreich und Schottland wesentlich der Adel, derder Calvinischen Reformation Eingang verschaffte; das niedereVolk in Frankreich hing der Messe fortwährend an. In geschicht-lichen Dingen hellsehend war Calvin nicht besonders eingenom-men für Eine Staats - und Regicrungsform. Wie scharf er sichgegen die unumschränkte Gewalt der Fürsten erklärte, so theilte erdoch keineswegs die Ansicht von dem Widerstaudsrechte des Volksgegen die Obrigkeit, wie sie nachher von ealvinistischen Lehrernausging. Er war in dieser Frage ganz so vorsichtig, wie Luther.Und als in Frankreich die Edlen unter Franz U. über die Ergrei-fung der Waffen beriethen, hielt man genau die deutschen Vpr-