Buch 
Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts / von G.G. Gervinus
Entstehung
Seite
101
JPEG-Download
 

101

in vielen anderen Frankreich immer der Sache der Freiheit schäd-lich gewesen, so oft es auf spanischer Seite stand oder in dieWege der spanischen Politik einging; und immer förderlich, so oftes auf protestantischer Seite oder im Bunde mit England stand;in den Zeiten Heinrichs I V. nicht anders als in den Tagen LouisPhilipps. In diesem Wechsel bildete sich weder ein stetiger, poli-tischer und religiöser Charakter des Volkes, noch seiner Regierung.Durch die ganze Geschichte Frankreichs zieht sich vielmehr in denneueren Zeiten der seltsamfteZwicspalt der Grundsätze imRegiment,in den Körperschaften und Parteien, und in der Literatur. Die Ab-solntie hatte demokratische Launen, und die Demokratie despotischeNeigungen. Die Literatur schwankte zwischen heidnischer Freigei-sterei und christlicher Bigotterie. DieDichter priesen republikanischeTugenden aus servilem Munde. Die Parlamente schaukelten zwi-schen Kriecherei und Aufruhr. Die Sorbonne predigte heute dasgöttliche Fürstenrecht und morgen die Vvlksherrlichkcit. DieJesuiten lehrten in staatlichen Dingen demokratische Prinzipienund in kirchlichen despotische. Und dieses Spiel der sich ablösen-den Ertreme beobachten wir in allen Verhältnissen Frankreichsnoch bis auf diesen Tag.

In diesem Wechsel nun ist nicht das wenigst Merkwürdige,die stete Solidarität zu beobachten, die zwischen dem Protefta»tis-mus und allen staatSverklcincrndcn, partieularistischcn Bcstrebnn-gen, und zwischen dem Katholicismus und allen staatsvergrößern-dcn, centralistischcn Richtungen besteht. Damals als die Legaten 'Roms um 150265 Frankreich dem Abfall znm Protestantismusso nahe wie Norddcutschland sahen, war dasLand auch einer deut-schen Zcrtheilung eben so nahe. Dann, als es einen Augenblick zwi-schen Katholicismus und Protestantismus unter Heinrich IV-, derselbst beiden Bekenntnissen angehört hatte, getheilt war, sann diesergroße Fürst darauf, zugleich dem Hader der Kirchen und den nni-