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früher durchbrochene Gemeingefühl wich dem stolzen Gefühle derStaatseinheit. Die neue Erscheinung war um so blendender, alsgerade an einem so großen Staatskörper das Beispiel gegebenwar, wohin es führe, wenn der Staat sich als Ganzes bewegtund alle seine Kräfte nach einem Ziele gelenkt werden. So weitbewies dieAbsolutie auch hier ihren Vorzug vor der mittelalterigenOligarchie. Sie verleugnete ihn, sobald Ludwig in den Fehlerverfiel, der alle Oligarchie so verhaßt und schädlich macht, daß erden Staat seiner Person zum Opfer brachte und, von seiner könig-lichen Allmacht erfüllt, seinem persönlichen Allvermögcn allein ver-traute. Wie er durch seine Maitressen bigott geworden die Prote-stanten aus dem Lande trieb, wie er an die Stelle seiner altengroßen Minister und Feldherrn die unbedeutenden Geschöpfe seinerGunst und die gefügigen Werkzeuge seines Eigenwillens sehte, zer-fiel der Aufschwung Frankreichs schneller als er gestiegen war; unddes Landes Zukunft blieb viel furchtbareren Zerrüttungen ausge-setzt, als die waren, welche die Stuarts durch die ähnlichen Lau-nen der Unumschränkthcit England bereitet hatten.
Vergrößt- Wenn die innere Erschöpfung Frankreichs die Gelegenheit
rungösucht ^
zur Ausbildung der königlichen Absolutie cntgegcnbot, so verführteebenso die Erschöpfung fast aller nahen und fernen Staaten dazu,Frankreich in äußerer Machtbestrebuug dieselbe Bahn zu führen,die man vorher in Spanien und Oesterreich so lange bekämpfthatte. Um die Zeit von Ludwigs Regierungsantritt war in demganzen Süden der europäischen Welt ein allgemeiner Rückfall zurUnmacht eingetreten. Alle die Reiche, von denen die bisherigenBewegungen im 16. und 17. Jahrhundert ausgegangen waren,waren nach einander in gleichmäßige Schwäche zurückgesunken.Spaniens innerer Verfall begann schon mit seiner äußeren Größe;die kriegerische Kraft der Osmanen brach mit Sulciman dem