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Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts / von G.G. Gervinus
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testanten und Katholiken abwechselnd zn schwächen und für Frank-reich alle Vortheile zu zeitigen, die nachher Mazarin im westphäli-schen Frieden reis abpflückte. Dasselbe Spiel begann hieraufLudwig XIV. in England, wo er wechselnd die protestantischenAufwiegler und die Regierung unterstützte und die Stuarts inseine Abhängigkeit zog. In einem einzigen Zuge des Glückes unddes Uebermuthes brachte eS Ludwig mit England so weit, daß sichdessen Könige von ihm kaufen, einen so wichtigen Platz wie Dnn-kirchcn sich von ihm abkaufen ließen; so weit mit Spanien, daßer ihm einen Theil von Flandern und Franche Comtö unter einemScheine von Recht, und später Luremburg selbst ohne einen sol-chen Schein entriß; so weit mit Holland, daß er es 1672 angriffund auf dem Punkte war es zn erobern, ohne nur einen Vorwandzum Kriege anzugeben; so weit mit Deutschland und Schweden,daß er in der Zeit der sogenannten Revisionen (167884) vonfranzösischen Gerichten erforschen ließ, was früher zu den imwestphälischcn Frieden erworbenen Theilen von Deutschland gehörthabe und nach ihren Entscheidungen verschiedene Fürsten und Ge-biete beraubte. Lange ehe es so weit gediehen war, hatte Schwe-den schon (im westphälischcn Frieden) Oesterreich gewarnt, Frank-reich scheine die spanischen Weltherrschaftsplane überkommen zuhaben; auch trug sich damals schon Mazarin mit dem Gedanken,die spanischen Niederlande an Frankreich zu bringen, ja nach derVereinigung Frankreichs und Spaniens zn streben. Dieser Ge-danke schien sich späterhin durch das Testament Karls II. vonSpanien verwirklichen zu sollen, das Ludwigs Enkel (Anjou) aufden spanischen Thron berief. Durch Einen Fcdcrzug, den dieFurcht vor Ludwigs Macht eingab, sollte das alte Band zwischenOesterreich und Spanien zerrissen, das neue mit Frankreich ge-knüpft, eine andere Weltherrschaft an die Stelle der bisherigengesetzt werden. Man hätte zwar nie geduldet, daß beide Kronen