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Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts / von G.G. Gervinus
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124
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bedacht, daß hier in dem immateriellen Reiche der geistige Triebsehr leicht zu erregen und sehr schwer zu ersticken ist. In den pro-testantischen Staaten ward die Nationalbildnng ganz volksthüm-lich vermittelt durch die Schulen. Auf diesem Wege schritt sie inDeutschland von religiöser zu wissenschaftlicher Aufklärung lang-sam vor und die nationale Literatur reifte glanzlos unter derTheilnahme Aller. In Frankreich zog Ludwig XIV. die Literaturan den Hof und in seine Pflege als ein Mittel des Glanzes, dasihm zu seinem Kriegsruhme auch die Glorie des Beschützers derMusen verleihen sollte. Sie war als ein geistiger Lurus des Ho-fes gemeint, ward aber unversehens ein praktisches Werkzeug inder Hand des Volkes. Der Absolutismus that hier ganz imGroßen, was die Tyrannie der Pisistratiden mit ihrer Geisteö-pflege in Athen gethan hatte: die ihre Herrschaft begründetenzu einer Zeit, als sie den dummgläubigen Athenern eine lebendePallas zuführen konnten, und sie verloren, da schon ein so freierGeist wie Acschylus geboren war. Der Absolutismus untergrubsein eignes Weck; und er that hierin etwas Aehulichcs, wie das Pro-testantische Volk, als es sich im Anfange der kirchlichen Reformenniit den Fürsten verband. Es hatte für seine religiöse FreiheitSchutz bei dem Fürstenthume gesucht und fiel mit der Zeit unterdie fürstliche Absolutie. War dies ein Fehler, so beging jetzt derAbsolutismus den ähnlichen und größeren. Er hatte von Anfangan, unter den ersten Fürsten die sich dem Einflüsse des Vasallen-thums entzieben wollten, die Hülfe der Gebildeten gesucht; erhatte den Geistlichen und Rechtsgelehrten den großen Einflußim Staate lieber gegönnt, als dem Adel, der geistigen Kraft mehrals dem großen Besitz und den Waffen. Jetzt aber schuf er durchdie systematische Pflege der Literatur einen neuen Stand und inder Presse eine neue Macht, die beide ihren Ursprung bald ver-gaßen. Man ließ im Schauspiel und Romane die Corneille und