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Fenelon republikanische Tugenden rühmen, aber im Volke zogman bald aus der schönen Kunst die nützliche Anwendung und dieProsa aus der Poesie. Man hatte die Schrift benutzt, um dieöffentliche Meinung in bestimmten Zwecken zu bearbeiten, baldaber nahm die öffentliche Meinung selber die Schreiber in ihrenDienst. Der Geist der Neuerung, der auf dem politischen Bodenkeine praktische Handhabe fand, bemächtigte sich der Literatur, woer eine unfaßbare unwiderstehliche Gewalt übte. Von den höhe-ren Klassen ausgegangen artete dies geistige Leben mit den freienSitten bald aus, und der glückliche oder unglückliche Leichtsinndes Hofes ließ das eine wuchern mit dem andern. Eine kühne Kri-tik warf sich aus alle Gegenstände der Kirche und des Staats, undlegte an die Verschiedenheit der Bildung und des Lebens dasMaas einer einfacheren Natur, an die Zustände des Regimentsdas Maas einer neuen Freiheit an. Im Religiösen sprang man,wie um sich für die einmal verlorene Glaubensfreiheit zu rächen,plötzlich vom Geistesdruck zu Freigeisterei, vom Aberglauben zudem vollendetsten Skepticismus über. Im Politischen hielt mansich an den Angriff des Königthums auf die geistliche und welt-liche Aristokratie des Mittelaltcrs an, und leitete aus dem, wasvon dieser Seite thatsächlich aus Eigennutz geschehen, oder in-stinktiv aus den nothwendigen Veränderungen des Staatölebenserwachsen war, ein System demokratischer Staatsverfassungund die Grundsätze einer Staatsverwaltung ab, die denhierarchischen und feudalen Ordnungen des Mittelaltcrs zumerstenmal mit einsichtigen Gründen entgegengesetzt wurden.
Nach diesen beiden Richtungen hin wirkten die politischenNeuerungen der französischen Staatswissenschaft und praktischenPhilosophie verschieden auf Regierungen und Volk, und verschie-den nach Ost und West. Zu dem Volke sprachen die neuen Mei-nungen über Staasvecsassungen, zu den Regierungen die Lehren