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Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts / von G.G. Gervinus
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zum Hauptquell alles Nationalreichthums zu machen. Um daoder dorther Ruhen zu ziehen, bedurfte es der Anregung der unte-ren Stände zur Selbstthätigkeit, und die Ausbreitung geistigerAufklärung ward ein Zweck fast aller Regierungen, zu dessen Er-reichung die französische Literatur das Mittel entgegen brachte.Friedrich II. bildet den Wendepunkt in der Zeit, wo diese men-schenfreundlichere Richtung mitten in den rohen Militärstaat hin-eintrat. Er war gleichsam der letzte unter den Fürsten, der in demmilitärischen Eroberungssysteme während des 30jährigen, nordi-schen, spanischen Erbsolgekrieges in seinen schlesischcn Kriegen fort-fuhr, aber auch der erste, der sich zu den Lehren der französischenPhilosophie und Staatswissenschaft offen bekannte und sich dieinnere Wohlfahrt seines Volkes zum Ziele setzte. Durch diesenVorgang bildet er den Kern der europäischen Geschichte in derzweiten Hälfte des 18. Jahrh. Sein Beispiel fand Nachahmungin Portugal unter Pombal'ö Verwaltung, in Spanien unter denCampomanes und Aranda, in Neapel unter Tannen, in Toseanaunter Leopold, in Oesterreich unter Joseph II., in einer Reihevon kleineren deutschen Staaten, in Seandinavien, ja selbst inRußland unter Katharina II. Verbesserung der Schulen und derVolksbildung, Durchsicht der Gesetzgebung, gleichmäßigere undgeordnetere Verwaltung, Sorge für die ökonomischen Zustände,für Handel und Industrie, für nützlichere Ausbeutung des Landes,für die Befreiung des Bodens und der Gewerbe von lästigen Be-schränkungen, gerechtere Besteuerung, Abstellung der Monopole,Verminderung der Vorrechte Einzelner zu Gunsten der RechteAller, größere Gleichstellung der Stände, ein abermaliger Angriffauf die Reste des Feudalismus, dies waren die allgemeinen Rück-sichten, die bei den Reformen in allen jenen Staaten leiteten.Es schien als ob die Absolutie jetzt zu dem Bewußtsein ihrer Auf-gabe gekommen wäre, die Schule der Freiheit zu sein und der