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Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts / von G.G. Gervinus
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legten zu tilgen, Handel und Industrie von den Schranken an denLandes- und Provinzgränzen zu befreien, durch freiere städtische undprovinzielle Einrichtungen den erstickten Bürgersinn wieder zu wecken,und vonda fortschreitend die ständische Verfassung wieder herzustellen.Die Gegenwirkung der höheren Stände, die unter diesen Maas-regeln leiden sollten, stürzte das reformirende Ministerium, wie esin allen jenen katholischen Landen geschehen war. Aber hier stürzteder König mit, der es fallen ließ, und die alte Verfassung, an deres gescheitert war. Das französische Volk schied sich feindlich vonseinen oberen Ständen, statt sich länger von ihnen leiten unddrücken zu lassen. Das goldene Zeitalter, das aus dem ebenenWege der Reform von oben erwartet war, schlug in die Periodeeiner furchtbaren Revolution von unten um. Die gemachtenErfahrungen schienen zu beweisen, daß selbst die allmähligen Re-formen nicht durchgesetzt werden könnten ohne den Selbstwillendes Volks und ohne die Kraft, die in diesem Willen gelegen war;daß so große Opfer dem Staate von seinen herrschenden Gewal-ten nicht gebracht werden ohne gewaltsame Nöthiguug. Der Geistder Geschichte brach sich in Frankreich. Der freie Geist des Prote-stantismus, der in die romanischen Völker auf dem graden Wegeder Religionsreform nicht hatte eindringen können, drang jetzt aufdem Umwege der Literatur ein und rückte zunächst in Frankreichauf dasselbe Ziel hin, zu dem man in den freien germanischenStaaten unter Religionskämpfen gelangt war: die nationaleThätigkeit und Freiheit auf dem politischen Gebiete zu entwickeln.Die Völker sollten hinfort vollenden, was die Fürsten begonnenhatten; nicht allein für das Volk sollte gehandelt werden, sondernauch durch das Volk; nicht nach Theorien sollten die Nationenbeglückt werden, sondern nach ihrem eigenen Willen zu ihrer eige-nen Zufriedenheit, worin das Höchste gelegen ist waS der Staatüberhaupt erlangen kann. Es sollten Volksrcformen an die Stelle

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