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Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts / von G.G. Gervinus
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133
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Schweiz, in Amerika und Niederland verwirklicht war, die kleinenDemokratien. DieKluft zwischen dem Zustande aller großen Staatenin Europa und seinen Ideen störte ihn nicht. Der Gedanke überwogihm alles Wirkliche und Bestehende und er traute darauf, daß dieZukunft mit Gegenwart und Vergangenheit fertig werden würde.Das verjährte Unrecht galt ihm nichts vor dem unveräußerlichenUrrecht; und er wies unbedenklich das Volk auf seine Kraft,dieß sein Recht geltend zu machen. Hier lag die ungeheure Ge-walt seiner Lehren. Die Idee eines Gesellschaftsvertrags, alseines ursprünglichen Ausgangspunkts des Staates, ist nichts alseine neue Vorspiegelung an der Stelle von anderen alten. Siehtman aber auf die einzelnen Zeitpunkte, wo ein politisch rei-fes Volk eine willkührliche Herrschaft nicht länger dulden will,so ist jede Revolution eine Bestätigung der Roufsean'schen Sätze,und diese Sähe sind eine Standarte für jede Revolution. DerStaat beginnt nicht, aber er ist auf seiner Spitze in dem Stadiumder Volksherrschaft; am Ursprung der Staaten gibt es Gesell-schaftsverträge und Volksherrschaft höchstens in Pflanzländern,die die Ableger politisch reifender Staaten sind. Und sichtlich hatdas Vorbild der Nordamerikanischen Zustände auch auf Rousseau'sAnsichten gewirkt; er nahm die thatsächlichen Ausnahmsverhält-niffe dort zur Grundlage seiner Lehre und diese Lehre wirkte alseine allgemein gültige Regel nach Amerika zurück. Denn der ganzeGeist der Zeit, der diesseits und jenseits des Weltmeers über denaußerordentlichsten politischen Ereignissen brütete, war von Rousseauin einem merkwürdigen Instinkte vorausgenommen. Man weiß,wie sich bald die Thatsachen in Corsira, in Genf, in Polen mitseinen Lehrsätzen die Hand reichten. Man hat die schlagendenÄhnlichkeiten zwischen dem Verlaufe der französischen Revolutionund seiner Lehre aufgestellt. Der Kampf der nationalen und welt-bürgerlichen Ideen, die jene Zeiten bewegten, spiegelt sich in den