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Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts / von G.G. Gervinus
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so lange sie nicht durch Uebecfülle in Uebel und Unmacht ausschla-gen, nur von solchen Stämmen eingezogen werden, die die euro-päischen Völker auf dem gleichen Boden an den gleichen Güternüberböten und mit einer ähnlich begründeten Macht überwältigten.Dafür aber haben selbst die begabtesten slavischen Stämme wenigeAnlage bewiesen. Die Böhmen haben eine Kirchenverbesscrungvor Deutschland versucht, aber mit der Widerlage eines bildnngs-frohen Volkes entging ihr die Haltbarkeit. Die Polen berath-schlagten unter den günstigsten Verhältnissen mit Calvin über ihreReformation, aber ihm ward bald der Ernst des Adels, ja dieAufrichtigkeit des reformatorischen Bedürfnisses in der ganzen Na-tion verdächtig. Böhmen versuchte auch seine Revolution undpolitische Selbständigkeit gegen Oesterreich in einem versprechendenZeitpunkte, aber sie gelang nicht. Die Polen befragten Rousseauüber eine Verfassungöveränderung, wie sie Calvin über ihre Re-formation befragt hatten, und zu einer Zeit, wo die Mächte sienicht in ihren Verbesserungen gehindert hätten; aber sie verschobensie, bis die französische Revolution den Borwand gab zu derschmachvollsten aller politischen Unthaten. Weniger als dieß We-nige hat sich bisher in Rußland gezeigt. Kein Bedürfniß religiöserSelbstthätigkeit und Fortbildung hat hier laut zu werden gewagt.In dem Adel hat sich kein körperschaftliches Streben nach eineraristokratischen Staatöbildung geregt. Die bürgerlichen und ge-werblichen Entwickelungen sind weder von dem Volksgeiste nochvon der Deutlichkeit unterstützt. Der Staat ist aus den Zuständender orientalischen Despotie im Wesentlichen nicht herausgetreten.Wenn es sich daher einst um die Civilisation des Orients handelnwird, so wird vielleicht nicht Rußland dieser neuen Bildung dieBahn eröffnen, sondern diese Bildung vielmehr ihre Bahn in Ruß-land zu eröffnen haben. Was aber den Einfluß im Westen und dieWiderstandsfähigkeit gegen die freieren Regungen in Europa be-