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Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts / von G.G. Gervinus
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gezeichnete Menschen in die Geschichte kommt, der Geschichte derGegenwart. Den vielen kleinen Bewegungen entgeht der schreck-liche Reiz, den die starken, mit einander ringenden Kräfte derersten französischen Umwälzung verleihen. In den mancherleiKriegsereignissen ist kaum Eine merkwürdige Schlacht geschlagen,kaum Ein Talent aufgetaucht, das ein größeres Interesse hätteerregen können. Gegen die Napoleonische Zeit gehalten macht dieunsere trotz der vielen einzelnen Erhebungen den Eindruck einertiefen und allgemeinen Erschöpfung und Ermüdung, die die na-türliche Folge der vorhergegangenen übermäßigen Anstrengungenund Erschütterungen scheint. Und auch mit den Zeiten des18. Jahrhunderts vor der französischen Revolution verglichen,erscheinen die unseren arm an bedeutenden Menschen. Das Reiz-volle der Erzählung von dem Leben und Wirken so vieler ausge-zeichneter und eigenthümlicher Persönlichkeiten, Fürsten, Staats-männer, Krieger, Schriftsteller, wie sie das 18. Jahrhundertbesitzt, entgeht unserer Zeitgeschichte ganz. Aber eben das, waöihren Inhalt von dieser Seite gering macht, macht ihn von deranderen Seite desto bedeutender. Den Reiz der Geschichte jeneranderen Zeiten erkauft man um den niederschlagenden Preis, daßdie Völker neben jenen großen Einzelnen ganz unthätig waren,daß sie nur den Stoff abgaben, in dem die leitenden Männer desTags nach Gutdünken wirkten. Dagegen in unserer Gegenwartbewegen sich wie im 16. Jahrhundert die Völker selbst in Massen,und in allen ihren Theilen und Schichten. Und dieß ist die eigen-thümliche Größe dieser Zeit. Der hervorragende Rang der großenBegabung ist in Abnahme, aber die Zahl der mittleren Begabun-gen ist in desto größerer Zunahme begriffen; nicht die Qualität,nicht die Höhe der Bildung der Einzelnen macht den Ruhm dieserZeit aus, sondern die Quantität, die Weite, die Ausbreitung derBildung unter den Vielen; es ist im Einzelnen nichts Großes