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Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts / von G.G. Gervinus
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jeder Thätigkeit größer, Wohlstand, Behaglichkeit, Genuß undLeichtigkeit des Lebens allgemeiner verbreitet, nie aber auch allge-meiner begehrt und angestrebt gewesen, als heute. Die Regsamkeitin allen Richtungen des häuslichen Lebens hat sich auch in demöffentlichen Leben geltend gemacht. Und auch hier sind es dieMassen, die die Politik zn machen beginnen. Mit der Sicherheit,die dem Instinkte der Menge eigen ist, sormuliren sie ihre Forde-rungen, unverblüfft von dem Besserwissen der Doetrin, genau nachihrem Vortheil und Bedürfniß, und bestehen auf ihnen mit dereinfachen Folgerichtigkeit des wohlverstandenen Interesses, uner-schreckt von dem Widerstand und den zeitweise» Siegen derGegner. Ihre Forderungen aber gehen dahin, daß der Staat dasWohl der Vielen endlich seine Sorge sein lasse, und nicht das derWenigen und Einzelnen. Und sie stützen sich, diese Forderungen,täglich mehr auf einen den Klarsichtigen einleuchtenden, den Ver-blendeten drohenden Grund, den schon die ersten CalvinistischenStaatölehrer warnend gepredigt hatten: daß es Staaten gebeohne Fürsten, aber nicht ohne Volk.

,nNnhen"und Diese Forderungen sind den Völkern gemeinsam, das Ziel

Gleichartig- Bewegungen ist ein gleichartiges. Nicht daß sie nothwen-dig auf eine einzige gleiche Staatsform hinausgehen müßten, abersie gehen alle von einem gleichartigen Staatsbcgriffe aus. Derstrenge Staatsbegriff des Alterthums ist (wie bedauerlich es auchdem Kenner der Geschichte sein mag) Angesichts des neuerenStaatsideals in Amerika unmöglich geworden. Niemand wirdfür glaublich halten, daß die straffen Ordnungen EnglandsAussicht hätten auf das Festland überzugehen, Jedermann für un-ausbleiblich, daß die demokratischen Ideen, die die Welt bewegen,vielmehr allmählig nach England überbringen. Der Individua-lismus, das Selbstgefühl der Persönlichkeit, ist zu stark in den