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Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts / von G.G. Gervinus
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wärts sich gleich zu stellen mit dem dritten, und mit ihm gemein-sam die oberen Stände nnd selbst die fürstliche Gewalt abzuwer-fen. Wird auch dieß nur eine vorübergehende Zuckung sein, wiedie städtischen Bewegungen im 13. Jahrhundert, wie die Jacque-rie und die Bauernkriege? Wird auch der vierte Stand noch derJahrhunderte bedürfen zu seiner politischen Bedeutung nnd Be-rechtigung wie einst das Bürgcrthum? Aber die Bewegung dieserZeiten ist nicht veranlaßt, wie die genannten, durch vereinzeltenDruck und Elend, sondern sie ist die Folge einer allgemeinen Idee.Seit die Theile der Welt sich so nahe gerückt sind, daß man sichüberall der Rolle bewußt geworden ist, die der europäische Stammder übrigen Menschheit gegenüber spielt, hat der Menschenwertheine ganz andere Bedeutung erhalten; die Europäer sind wie einegemeinsame Aristokratie, die ihre Herrschaft über alle Welttheilcbreitet, und in dieser Gesellschaft will der unterste Mann als einGleicher mitzählen, weil er zu dieser Ausbreitung mehr gesteuerthat als jeder andere; er hat die Menschen dazu geliefert und dieMittel des Handels beschafft. Hier liegt die Berechtigung zu sei-nen gegenwärtigen Strebungcn. Und alle Vergangenheit und Ge-genwart haben diesen Strebungen auf der einen Seite die Schwie-rigkeiten weggeräumt, auf der anderen aber wirkende Kräfteverliehen in einem Maaße, das dem Widerstände alle Stützen zer-bricht. Seit vielen Jahrhunderten, haben wir gesehen, arbeitetealle Geschichte auf die größere Gleichheit der Menschen und derVerhältnisse hin. Der Waffenadel zerstörte seine eigene Macht inden Kreuzzügen und in den heimischen Bürgerkriegen der späterenZeiten. Die geistliche Aristokratie verschwand in den protestanti-schen Landen, wo der Geistliche Bürger mit dem Bürger ward.Die Absolutie, die Bedeutung der Rechtsgelehrten, das Bedürfnißgeistiger Fähigkeiten für die verwickelteren Geschäfte der neuerenStaaten halfen die Gleichmachung der Gesellschaft zu fördern.