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Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts / von G.G. Gervinus
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Die veränderte Kriegskunst gab dem gemeinen Manne eine größereBedeutung. Die Entdeckung der neuen Welt, Handel und Schiff-fahrt kamen demBürgerthume ausschließlich zu Gute. In ihm undin dem Königthume liegt heute die beste Kraft des Widerstandesgegen den Andrang der unteren Klassen. Aber die monarchischeGewalt hat seit den Zeiten der französischen Umwälzung ihrenZauber eingebüßt. Sie hat seit decHerstellung derBourbons durchden gemeinsamen Wvrtbruch, mit dem den Völkern die zugesagtenRechte vorenthalten wurden, jedes Vertrauen verloren. Ihreneuesten Thaten haben ihr bei Vielen die letzten moralischenStützen entzogen. In ihrer personellen Vertretung ist kaum eineAussicht auf neue Kräftigung. Selbst in den unumschränkt regier-ten Staaten scheint das, was Jakob I. das KönigShandwerknannte, verlernt. Das Bürgcrthum aber hat sich selten zur politi-schen Herrschaft besonders befähigt erwiesen. Es hat weder kör-perschaftlich den Ehrgeiz, noch geschäftlich die Muße, den Hang,die Gewöhnung, sich als einen politischen Stand in starker Ge-walt zu behaupten. Dazu kommt, daß es von dem vierten Stande^ganz anders abhängig und durch eine kleinere Kluft getrennt ist,als der Adel einst vom Bürgerthume war.

Sind so die Stände, die politischen Gewalten und Formenein geringes Hemmniß gegen die demokratischen Bestrebungen derZeit, so ist dagegen die höchste Ermunterung für sie gelegen inden Beispielen, die in den bestehenden Staaten und Staatsformengegeben sind. Drei große Reiche wetteifern unter den ungleichstenVerfassungen an gleicher Macht. Die Absolutic in Rußland hatden allgemeinen Haß der gebildeten Welt gegen sich. Der Con-stitutionalismus in England liegt für die meisten Staaten jenseitsaller Erreichbarkeit. Die demokratische Verfassung Amerika's aberist das Vorbild und die Vorliebe der großen Massen. DieserStaat war im Westen umnerklich entstanden und emporgekommen