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Johannes von Müllers Briefe an Carl Victor von Bonstetten III : geschrieben vom Jahr 1773 bis 1809 ; Briefe an Herrn Charles Bonnet : Briefe an Freunde 1 / herausgegeben von Friederika Brun
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Briefe an Bonstetten.

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außer mir zu suchen, was in mir ist oder seynsoll. Darum scheint mir jede noch nicht versuchteLage und von denen, die ich schon erfahren habe,allemal die, in der ich nicht bin, immer der, wor-in ich mich befinde, weit vorzuziehen. Darum istnicht leicht ein europäisches Land, wohin zu gehenich mir nicht bisweilen vorgenommen hätte, dar-um suchte ich vor vier Jahren das Gluck im Nor-den, und vor zwei Jahren im Süd, und vor ei-nem Jahr auf der Gränze zwischen beiden, undstelle mir seit einiger Zeit kein schöneres Lebenvor, als das, welches ich im Norden führen würde,wo ich nicht habe bleiben wellen: mein Lieber,sagt alsdann lächelnd Flaccus, unser Freund,

<juod petis, hic est; est Ulubris , animus si tenon déficit œquus. In der That habe ich meineReisen immer in schlechter Gesellschaft gethan;denn ich habe mich mitgenommen. Der Traumverschwindet nun endlich, der Tag bricht an, aberdas Licht kömmt nie ohne Dämmerung, ich sehenun ein, baß über sich selbst arbeiten das besteGeheimniß der Glückseligkeit, und in sich demdenkenden Wesen über das Gröbere die Oberhandgeben, der Weg der Tugend ist. Wahrhaftig,Selbstgefühl, der große Gedanke des göttlichenAdels unseres Geistes gewährt uns einen Genuß,gegen welchen keine andere Wollust verglichen wer-den mag, und es findet sich, daß Muth wiedereinen Theil unseres Selbst, und Ausübung derObermacht über das, was die meisten fesselt, einwahrer Epicuräismus ist, welchen zu erhalten dieErfahrung unseres Lebens, die christlichen Aus-sichten auf die Zukunft, uud alle wahre Philoso-phie sich zusammen vereinigen; der Apostel Paulus,Hvraz und Antonin sind hiezu alle brauchbar;nimm diese ohne jenen, sempcr nescio guid cur-