Briefe an Bonstetten.
LS
An der Schweiz habe ich diese acht oder zehnTage wieder gearbeitet; wenn das Cvllegium fertigist, sollen alle Morgenstunden ihr seyn, eineMenge Kleinigkeiten (Briefe, Iournalarberten)haben oft mir zu viele Zeit geraubt, ich fühle dieNothwendigkeit, mich von denselben loszureißen,und eben so viele Simplicität in meine Geschäfteals in meine Schriften zn bringen.
Uebrigens bin ich ziemlich ruhig, ich sehe ein,Laß Ruhe und Unabhängigkeit mein bestes Glücksind, weil man ohne sie nicht wohl studirt, ichkann hiezu anders nicht kommen, als entwederdurch eigenes Einkommen, oder durch das, wasein Fürst mir geben konnte als Bibliothecariusoder pensionirter Académicien; andere auch gelehrteStellen sind nicht für mich, jene kann ich mirnicht selbst verschaffen, sondern sie nur erwarten,die Herzen der Menschen sind nicht in meinerHand.
Schreibe mir immer deutsch, es ist in deinemAusdruck besondere Stärke und viel Feuer, indieser Sprache wird es dir am ehesten gelingen;als das vorzüglichste Muster deutscher Prosa nenneich die Schriften Mendelsons; die Sprache hat beiihm einen festen und nicht schweren Gang. DieFehler in deinen Briefen will ich dir anzeigen.Ein sehr gutes Buch zu Bildung des Geschmacksin Deutschland waren die so angenehm geschriebe-nen Briefe über die neueste Literatur, um 1760,von Moses, Abbt, Lessing, Nicolai. Der Flordes Geschmacks ist im protestantischen Deutschlandauf der Neige; im katholischen blühet er auf. Esist besser, wenige Bücher, die die Probe der Zeitausgehalten, immer, als viele neue lesen.