Briefe an Bonstetten.
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Nichts beweiset mehr, wie zerstreut ich 1791seyn mußte, als daß ick habe vergessen können,Sie gesehen zu haben. Es ist freilich wahr, daßwir uns noch nicht kannten. In den Jahren seit87 war ich durch die Geschäfte auch der Litteraturfast ganz entrissen, und Sie hatten eine Aeneidekönnen geschrieben haben, ohne daß ich's erfahre»hätte. Erst seit meinem Hierseyn lebe ich den Wis-senschaften wieder, und habe, wenn auch (derzeitwegen) nicht viel geschrieben, doch reichlich gesam-melt, und, wenn gleich einsam, viel genossen.
Außer den Büchern und Büchlein, die Sie nen-nen, habe ich noch geschrieben: Essais historiques,zum Theil nicht reif; nur eine Abhandlung, dieüber Bern, gewiß gut; Darstellung des deutschenFürstenbundes; Deutschlands (betrogene) Erwar-tungen von demselben; Briefe zweier Domherren;Verschiedenes (scharf; mit Indignation) über denSeparatfrieden 95 (der alles lahmte; der ersteStoß, der Europa gegeben wurde!). Dann vieleRecensionen in der alten allgemeinen deutschenBibliothek, in der Jenaer Literatnrzeitung, in denGöttingischen Anzeigen. Nach Jena habe ich nochdiese Woche Einiges geschickt, nnd gelegentlichmeinem Schmerz über die gute Schweiz dabei Luftgemacht. Das ist die Ursache, warum ich seit zehnJahren diese Verbindung beibehalte; manch guterGedanke findet so sein Plätzchen.
Für den jungen Niebuhr erregen Sie in mirdas lebhafteste Interesse; Thucydides ist auch inmeinen Augen der größte Geschichtschreiber; mehrals selbst Tacitus. Es hat es aber von meinenRecensenten mir niemand angemerkt, weil er grie-chisch ist. Diese Sympathie fesselt mich sehr anIhren jungen Freund. Der Gedanke seines Werksist groß; ich hoffe aber (da Gabrias eigentlich nicht