188
Briefe an Bonstetten.
seit eist paar Monaten sich ein ziemlich ausschwei-fendes Leben erlaubt, ist viel in dem Prater, vietin dem Augarten, viel sonst herum, ja, gar sechsMeilen weit bis Neustadt und bis nach Ungarn ge-fahren. Vergeblich hatten die Aerzte ihm dieses oftgepredigt: endlich sandte der Engel, welcher ihnvermuthlich noch erhalten will, einen Per besten undangenehmsten Menschen, einen jungen Officier, voneiner Bildung und Manieren, die ganz besondersähnlich find denen, welche am s Mai 1775 so schnellfesselten, ungelehrt, aber von der feinsten morali-schen Cultur, leicht verivundet, nach Wien, zu mir:und da haben wir denn zusammen all das getrie-ben, in der Iahrszeit, wo ich sonst krank werde;die Krankheiten haben sich in der That gemeldet,man ist ihnen aber entlaufen, und hat dafür wie-der einmal Natur und Menschen gesehen. F. heißtdieser mein Freund; schreibet ihn nur immer inden kurzen Aldus der Unvergeßlichen, Guten undEdeln, die mein Leben erheitert und mir lieb ge-macht haben. Erleichtert wurde (wenn ich es sagendarf, ohne der Freundschaft das Hauptverdienst zurauben), erleichtert wurde die Sache, theils durchden Mißmuth über den Gang der Dinge, theilsdurch die, meine persönliche Veränderung begleiten-den Zerstreuungen. Sie wissen nämlich, daß ick,nach Denis Tod, erster Custos der kaiferl. Biblio-thek geworden bin. Daß eine Sammlung von25n,ouo gedruckten, 12,000 geschriebenen Büchern,sammt vielen andern Alterthümern und Seltenhei-ten, Reize für mich hatte, wird wohl nicht befrem-den; aber ich gestehe, nicht recht zu wissen, ob ichmehr gewünscht habe, zu werden, was ich nun bin,oder aufzuhören zu seyn, der ich war, und aus ei-ner Lage zu treten, worin ich von dem dirigiren-den und von dem unwissenden Publikum gleiche Un-