394 Johannes von Müller Brieft.
einer verhältnißmäßig außerordentlichen Menge den-kender Geister, aber, feit den letzten Unruhen, aucheines gewissen Enthusiasmus, den zwar ein leb-haftes Genie angezündet, der aber nicht in der Po-litik einer kleinen Republik zu unserer Zeit seyndarf, und bereits Böses stiftet. Der Kranke sprichtam meisten von der Gesundheit, der Heuchler vonder Religion, der Lasterhafte von der Tugend; dasgroße Gelärm vom Glück der Freiheit war oft, undist zur Zeit noch der Vorbote ihres Verlustes. DieAthener zur Zeit der Perser, die Deutschen Ario-vists, Teils Schweizer sprachen weniger davon,aber erwarben oder behaupteten sie.
Hier lebe ich, und sammle die Geschickte desLandes unter allgemeine Augpunkte, um sie demPublicum in dem Plan, in welchem noch kein Ge-schichtbuch ist, vorzulegen. Hiernächst untersucheich die Codices und Jahrbücher der Europäer, undmache über ihre Gesetzgebung Beobachtungen, auswelchen ich einst allgemeine Wahrheiten abstrahiren,und meinem Vaterlande oder einem guten FürstenRäthe ertheilen möge. Die Schule Rouffeau'sund S. Pierre's baut, bei vieler Schärfe des phi-losophischen Auges und Empfindlichkeit des Herzens,nicht genug, auf Erfahrung; die Physiokraten sindim gleichen Falle; aber um nach Montesquieu, derZeiten der Leser würdig, dergleichen Gegenständezu beschreiben, habe ich Observationen nach der Ge-schichte für gleich unentbehrlich gehalten, als sie inder Physik sind.
Hier, mein Freund, schmachte ich nach IhremBrief, und wünsche Ihr Wohlbefinden, IhresFreundes seines, Ihre Arbeiten, Ihre Plane undNeuigkeiten der deutschen Literatur zu vernehmen.Ich würde Ihnen gern noch einmal meine vorigeHypochondrie abbitten, sehe aber keinen Kranken