204 Johannes von Müller Briefe.
Wärme auch zur Kaltblütigkeit, zum anhaltendenBetrachten großer und schwerer Dinge begeistertwerden; durch sie ließ sich Sirtus V viele Jahreals einen Pinsel ansehen; durch sie stellte sich deralte Brutus als Thoren an. Wenn die Seele derGottheit Hauch ist, so ist derselbe in großen Män-nern besonders lebhaft und feurig; ohne dieseshätte Timur die Welt nicht erobert, wäre Cäsarnicht Monarch deö Menschengeschlechtes geworden,hätten Tacitus, Macchiavelli und Montesquieunicht Gesetzcodices für alle Zeitalter verzeichnet,hätte Newton nicht den Gang der Sterne und dieHimmel gemessen, noch Voltaire den großen Hein-rich besungen, und Mahomet und Alzire vor demerstaunte» Frankreich ihre Empfindungen in derSprache der Götter beschreiben lassen. 3) Weildiese Wissenschaft nach der Art, wie ich sie culti-vire, mich geschickt macht, dem Vaterlande zu die-nen. Ich will dieß in Wahrheit redlich, und fürdesselben Vortheil alles anwenden, wenn ich inseinen Geschäften gebraucht werden kann ; wenndie Umstände dieß nicht zulassen, werde ich zwarnicht heimkommen, aber alles, was ich vermag,anwenden, anderswo meinen Mitbürgern zu die-nen. Wenn mich aber Vorurtheile gegen meinePerson oder Neid oder Bosheit von denjenigenGeschäften, wo ich Dienste leisten könnte, ausschlie-ßen, so will ich einen andern Plan ergreifen.
Ich befolge zwo Siegeln, oder ich wende zweier-lei, Arten Studium an, um in meinen Absichten zureüssiren. Erstlich lese ich wenige Bücher. We-nige in allen Jahrhunderten haben die Kunst ver-standen, die Menschen zu beobachten und die Ge-schichte so zu schreiben, daß sie selbiaen in Führungihrer Angelegenheiten nützlich ist; diese wenigen lesejch mit sorgfältiger Erwägung ihrer Betrachtungen