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Johannes von Müllers Briefe an Carl Victor von Bonstetten III : geschrieben vom Jahr 1773 bis 1809 ; Briefe an Herrn Charles Bonnet : Briefe an Freunde 1 / herausgegeben von Friederika Brun
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208 Johannes von Müller Briefe.

und so viele Declamationen theils gegen respectableInstitute und Gesetze, theils gegen längstbestrit-teneVorurtheile eingemengt, daß seine Lectüre nachder Lectüre der majestätischsimplen Alten mir nichterträglich war. Hiezu kommt, daß, ob ich's wohlschon dreimal versucht, ich gleichwohl nichts Zu-sammenhängendes aus ihm meinem Gedächtnißeinzuprägen vermocht habe.

Halten Siesich sehr an die Alten, m. Fr.,in denselben und den wenigen, welche unter unsihres Gleichen sind, finden Sie eine Energie undEinfalt, welche nicht allein edler, als alle Kunst-mäßigkeit der andern ist, sondern wirklich auf denCharakter vortheilhaft einstießt. Ich habe Cice-ro's Briefe, III Bände in 4., diesen Winter allegelesen. Die Reflerionen, welche sie in mir überden Geist der damaligen Zeiten und Menschen undÜber den Verfasser selbst, auch überhaupt über diemenschlichen Geschäfte erweckt haben, sind für einenBrief zu lang und zu zahlreich. Ich kann Ihneneinen Wunsch, welcher mir beifällt, nicht verschwei-gen. Wenn die Umstände mir gestatten werden,meinem Wunsch gemäß einst in Schaffhausen zuleben, so wünschte ich mit 3 — 4 Freunden derschönen Wissenfchaften und der Alten die großenMeisterstücke der verschiedenen Zeiten und Völkerzu durchlesen. Es ist nichts Angenehmeres nochLehrreicheres, als gemeinschaftliche Lectüre ; nichts,das den Geschmack besser bilde, nichts, das in gu-ten Grundsätzen mehr befestige, nichts, das mehrwahre Sympathie und Freundschaft erzeuge. Ge-meiniglich liest man zu geschwind und zu fluchtig,was man allein und ohne einen festen Plan liesst.Daher viele unserer Mitbürger belesen, sehr we-nige gründlich, noch wenigere durch ihre Studienweiser geworden sind.