Johannes von Müller Briefe. 271
Europa erstirbt. Die Urstimme natürlicher Frei-heit schweigt schon lange, oder sie wird aus demArsenal beantwortet: nun, will man auch die Wahlder Herren uns nicht mehr lassen: 'mehr und mehrversinkt alles in die graueAvolle Nacht und Stille,worin die, welche im Teutoburger-Walde gestrit-ten, die Helden von Murtcn, neben den Enkelnderer, die in den Thermopylen gefallen, geduldig,wie die Todten gehorchen werden; denn die Elen-den haben keine Seelen mehr, wollen, glaubenkeine mehr. Freund! (gemeine Noth fesselt guteHerzen) es kömmt eine Zeit, noch trauriger alsunter den Cäsaren bei Vernichtung der griechischenund römischen Menschen: im Süd konnte ein ge-wisser Geist nicht ganz getilgt werden; der Nor-den war noch übrig. Nun in dem kalten, schwe-ren Nord, welcher schon wenig mehr fühlt, wer-den die Gemüther vollends erstarren. Dem LandAsien blieb doch sein schöner Himmel, Europa hattenie nichts als Männer; wenn diese vollends todtgeschossen sind, was wird bleiben? Der Gebieter beiseinen Kanonen und wandelnden Maschinen, diein Schlözers Heften für Menschen gezählt werden.
America ist noch nichts. Aber die Historie lehrtund es ist in der Natur, daß demselben Land eineschöne Zeit von Tugend, Licht und Glück bevor-stehe; für unsere Todesnöthen ist America noch zujung. Wenn einst auch seine bösen Stunden kom-men, so komme denn auch der große Komet, umdas verworfene caput mortuum, welches zur selbi-gen Zeit Menschengeschlecht heißen wird, aufzubren-nen, und mit in ferne Kreise des Weltalls fort-zuschleppen! Wir, die Zuschauer, und (weil Neu-tralität in solchen Zeiten unerlaubt), wir die Mit-spieler des zu Ende laufenden und eines anfangen-den Stückes des großen Drama, wofür die Erde