274
Johannes von Müller Briefe.
erkaufte Erfahrung dreißig blutiger Jahrhundertemit allen Donnern der Beredsamkeit und allenWaffen des Himmels und der Erde, dieser undjener Welt, würdig der Vater, zum Beispiel derEnkel, als in dem glorwürdigsten Kampf der ster-benden Freiheit und für den letzten Ruhm desgroßen Namens der europäischen Menschen. Ichweiß nicht, aus welchem Land ein Gustav Adolphausstehen wird, oder was für ein großer Bundgleich dem unter Wilhelm dem Dritten? Weraber will beweisen, daß es nicht geschehen werde?Nun, so lange wir solch eine schreckliche Aeitungnicht aus dem eigenen Munde Gottes hören, dür-fen wir die anvertraute Hinterlage nicht verrathen,und als unmöglich versäumen, was oft mit Glückgeschah.
Daß Universal-Despotismus Gottes Wille nichtist, ist aus dem abzunehmen, weil Menschenver-stand nicht unter die Regalien gehört.
Deutsche und Europäer zu Selbsterkenntniß, be-sonders aber zu Selbstgefühl bringen, sey also dieerste Pflicht. In allen Geschäften werde zuerst ge-fragt, nicht, wer hat Recht? Es ist bisweilen dun-kel. Sondern die erste Frage sey: was will derfurchtbarste Gewalthaber? Hierauf, wer ein freierMann ist, auf die Seite der Gegenpartei. Die-ses so lange, bis es das Interesse der Taubenseyn wird, einen Preis zu setzen auf die Vergrö-ßerung der Klauen des Geyers.
Die zweite Pflicht scheint mir, den Ursprungund Fortgang, die Verkettung und Wirkung dergroßen Thorheiten, durch die wir wurden, waswir sind, mit Wahrheit und Freiheit, Würde undLeben zur Warnung der kommenden Geschlechterin der neuen Welt aufzuzeichnen. Die Zeit wirdkommen über kurz oder lang, da sie werden wer-