22
wohner; man beschränkte sich darauf, eine hölzerne Brücke vonihm zu verlangen, die er auch im Jahre 1570 ausführte.Sie ist im IX. Kapitel des obigen Buches ebenfalls abgebildet,hat 180 Fuß in der Länge und ist von einer sehr merkwürdi-gen Einfachheit. Sie ist mit einer offenen Gallerie bedeckt, dieauf Säulen ruht, welche dem Auge einen sehr angenehmenAnblick gewähren.
Palladio war in der Architektur der Alten eben so geschickt,als in ihrer Construktion und ihrem mechanischen Verfahrenin Zimmerarbeiten. Da er in Cäsars Commentarien die Be-schreibung der hölzernen Brücke gelesen, welche dieser großeFeldherr über die Rhone schlagen ließ, versuchte er, die ge-schicktesten Combinationen derselben in Zeichnung auszuführenund theilt uns die interessanten Details darüber in obigemBuche mit. In diesem bewundert man auch das Projekt einerPrachtbrücke, für eine große Hauptstadt berechnet. Palladio hatte bei dieser Composition Venedig im Auge und seine Brückesollte nach seiner Idee die Rialtobrücke werden, die man seitlanger Zeit über den großen Kanal von Steinen aufzuführenbeschlossen. Schon Michel Angelo und Fra Giocondo hattenZeichnungen für dieses Projekt entworfen, dessen Ausführungimmer auf andere Zeiten verschoben worden. In der Folgetraten neue Concurrenten auf, unter welchen sich Sansovino ,Scamozzi , Vignola, Palladio und Antonio Delponte befanden.Das Modell des Letzter« erhielt den Vorzug: ein Beweis, daßdie Concurrenz in der Praxis nicht immer den Erfolg hat,den man sich in der Idee davon verspricht.
Mit der Geschichte der großen Künstler und ihrer Werkeverhält es sich nicht wie mit der Geschichte anderer großenMänner und ihrer Thaten. Je reicher an Letzteren das Lebeneines Helden ist, desto mehr muß der Geschichtschreiber dieErzählungen und Entwickelungen in Bezug auf seine Materievervielfältigen. Je größere Ausdehnung er ihr gibt, desto