199
den Vitruv, von welchem nur mehr oder weniger unvollstän-dige Commentare eristirten, ins Französische zu übersetzen.Diese Unternehmung war damals eine der schwersten, besondersfür einen Mann, der nie außerhalb Frankreichs gewesen undnicht im Stande war, die oft dunkeln Lehren des römischenArchitekten mit den Denkmälern der antiken Architektur selbstzu vergleichen. Die Ucbcrsetzung Perrault's wurde ohne allenZweifel in der Folge in vielen Punkten und besonders injenen übertroffen, die sich auf die Kenntniß, sowohl der alter-thümlichen Sitten und Gebräuche, als der Materialien, derConstruktionsarten und der Original - Denkmäler selbst be-ziehen. Um Vitruv gut zu übersetzen, muß man die prakti-schen Talente des Künstlers mit der Kenntniß des Philologenund der Wissenschaft des Alterthumskenners in sich vereinigen.Seit Perrault haben mehrere Uebersetzer in verschiedenen Län-dern, indem sie selbst seine Fehler bcnützten, es besser gemacht,als er, ohne daß man jedoch sagen könnte, daß nicht nochManches besser zu machen sei, und daß man nicht noch wei-ter gehen könne. Eine Uebersetzung, welcke, wie die desVitruv's, zweierlei Art ist und gleichwohl von einer und der-selben Quelle ausgehen muß, setzt immer eine, von einemEinzelnen schwer zu erfüllende Bedingung voraus: es mußnämlich derjenige, welcher den Text erklärt, ihn auch durch dieZeichnung zu rechtfertigen verstehen. In der That muß Vitruv eben so wohl durch Zeichnungen als durch Noten kommentirtwerden.
Dieß unternahm nun Perrault ; und wenn man bedenkt,wie weit man zu seiner Zeit noch in der Kenntniß des Alter-thums zurück war, wieviel demnach seine Zeichnungen zuwünschen übrig lassen mußten, kann man sich nicht genug überden Eifer und die Anstrengung verwundern, die es ihm gekostet,eine solche Aufgabe zu erfüllen. Jedermann ist überzeugt, daßer, nicht nur um dieselbe zu vollenden, sondern sie nur an-