Band 
Zehnter Band.
Seite
107
JPEG-Download
 

107

Die Fremden schienen bisher keine Vorstellung von demGeiste in Frankreich, noch von den wahren Gesinnungendes Volkes in Beziehung auf den Kaiser, gehabt zu haben.Indessen glaubte man doch, es sey klug, seine Ankunft inLyon auf die Nacht aufzusparen, wenn anders man nicht,wie ich glaube, es so einzurichten wünschte, daß er gar nichtLyon betreten möchte. Von einem ausgezeichneten Englän-der, der lange in Frankreich gefangen war, und sich geradedamals in Lyon befand, habe ich Folgendes erfahren. Deröstreichische General und er machten sich das boshafte Ver-gnügen, sich verkleidet unter das Volk zu mischen, das sichdrängte, um den gefallenen Monarchen zu sehen. Sie rech-neten Beide darauf, allerlei Verwünschungen zu hören, die,wie sie sich einbildeten, ihm nicht fehlen könnten. Bei seinemAnblick aber entstand die tiefste Stille, und eine alte Frauin Trauer, anständig gekleidet, mit verwirrten Blicken undGlut im Gesicht stürzte sich gegen die Thüre seines Wagens.Die beiden Neugierigen glaubten, sie würde in Flüche aus-brechen. Sie sagte aber mit einer gewissen Feierlichkeit:„Tire, der Segen des Himmels begleite Sie! Seyn Sieglücklich, wenn es möglich ist. Man entführt Sie uns; aberunsere Herzen folgen Ihnen überall." Der feindliche Gene-ral wird aus dem Traum gerissen, und sagt zu seinem Ge-fährten: „Entfernen wir uns; diese alte Närrin ist mirbeschwerlich, und das ganze Volk da hat keinen Menschen-verstand."

Jenseits Lyon begegnete man dem Obergeneral der Ost-armee (Augereau). Napoleon stieg aus dem Wagenund ging eine große Strecke mit ihm zu Fuß; alS er zu-rückkam, nahte einer der fremden Generale, die als Kom-missäre der Alliirten mitgeschickt waren, dem Kaiser, underlaubte sich, ihm sein Erstaunen zu bezeigen, daß Se. Maj.so zutraulich mit diesem Generale sich unterhalten hätte.„Und warum nicht?" erwiederte der Kaiser. — Ew. Majestätkennt also sein Betragen nicht? — „In wie fern?" — Sire,